Moskau ist so fern

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Trügerische Utopie: Kathleen Morgeneyer, Stephanie Eidt und Claude De Demo als Tschechows Schwestern

Die Zeit, und mit ihr das Leben, vertröpfelt so zähflüssig wie Honig. Tschechows „Drei Schwestern“ sind in Moskau geboren, vor vielen Jahren aber in der Provinz gestrandet. Von Stefan Michalzik

„Nach Moskau!“, so geht immer wieder der Ruf von Irina, der Jüngsten: Die Stadt ist zur Projektionsfläche des Seelenheils geworden. Am Ende freilich ist es mit den Illusionen vorbei. Andrej, der Bruder, mit dem sich Hoffnungen auf eine Rückkehr verbanden, hat eine Provinzlerin geheiratet und einen Posten bei der Kreisverwaltung angenommen.

Zu Beginn von Karin Henkels Inszenierung am Frankfurter Schauspiel stehen die drei Schwestern an der Rampe, und Olga, die älteste, bodenständigste und unsentimentalste, klärt das Publikum gleichsam über die Situation auf. Im Lauf der nächsten drei Stunden werden sie noch häufiger da vorn stehen, auch zum Schlussbild wieder. Sie stellen praktisch den Chor im Sinne des antiken Theaters. Zugleich lässt sich dieser Kunstgriff auch im Licht eines Distanz wahrenden Erzählens betrachten. Henkel präsentiert eine Draufsicht, sie legt den Blick von außen zu Grunde.

Gespielt wird die Komödie, die in diesem Stück durchaus auch enthalten ist, unter Verwendung der flüssigen Übertragung von Ulrike Zemme. In dem dürren jungen Mädchen Irina von Kathleen Morgeneyer ist die alte Jungfer schon zu erkennen. Claude De Demos Mascha trägt ein eher modebewusstes als existenzialistisch motiviertes Schwarz, Zeichen eines gewissen Selbstbehauptungswillens (Kostüme: Klaus Bruns). Stephanie Eidt als Olga tritt zunächst im grauen T-Shirt und mit Flip-Flop-Sandalen, ganz Lehrerin im privaten Umfeld, in Erscheinung. Unter den Vorzeichen einer leicht zur Explosion zu bringenden Aufladung geht es bisweilen zu wie im Tollhaus. Ungeheuerlichkeiten werden dem Gegenüber mit hinterhältiger kalter Selbstverständlichkeit ins Gesicht gesagt. Alles ist dergestalt überzeichnet, dass die Figuren in ihrem Leid nicht so recht ernst zu nehmen sind. Sie fallen der Lächerlichkeit anheim, in einem vernichtend denunzierenden Sinne; preisgegeben werden sie ihr indes nicht. Es gibt eine Frau in Männerkleidern und umgekehrt, Klamotte wird aber nicht gespielt.

Weitere Aufführungen am 16., 18., 22. und 26. Oktober

Stefan Mayers Verschiebebühne erschließt Perspektiven der erinnernden Flucht in eine selige Kindheit, etwa in Gestalt des Baums im Garten oder einer Schaukel. Wenn das Brüllen von Andrejs Kind von der Seite her eindringt, wirkt das mitunter wie ein Widerhall seines eigenen Säuglingsgeschreis. Ganz am Anfang ist es der kleine Andrej, der Luftcello spielt, und Sascha Nathan, sein Erwachsenen-Darsteller, tut es immer wieder. Ein ernstlicher Hort vermag die Musik ihm freilich nicht zu sein. Es ist denn auch nicht mehr als die gespenstische Heiterkeit einer trügerischen Utopie, die entsteht, als Andrej und seine Schwestern einmal zum gemeinsamen Luftmusizieren zusammentreffen.

Andrej, der Haltloseste inmitten der zerstiebenden Hoffnungen, ist am Schluss grotesk verfettet. Sein Antipode Werschinin, potenzielle Lichtgestalt und Chef der Brigade, mit deren Abzug der letzte Hauch von Welt aus der Provinz verschwindet, vermag in der Gestalt von Martin Rentzsch zwar Haltung zu wahren, von der Vergeblichkeit des Lebens indes weiß auch er.

Karin Henkel bewegt sich auf schmalem Grat. Die Idee, die zunehmend unheiter werdende Komödie psychologisch auszubilden, ist heikel. Assoziationsspielräume bleiben keine. Doch es geht letztlich gut: Zumindest handelt es sich um einen süffigen, dabei durchaus nicht oberflächlichen Theaterabend mit einem so animiert wie beredt aufspielenden Ensemble.

Quelle: op-online.de

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