110-Einsatz am Saxophon

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Eine besondere Herausforderung für das Blasorchester: Operettenstücke. Streicher fehlen, deshalb müssen die Bläser diesen Part selbst übernehmen.

Münster - Mit der Polizei verbinden die meisten vor allem die Hüter der Ordnung. Doch statt Kelle und Dienstwaffe können auch Musikinstrumente in den Händen der Polizisten liegen. Von Michael Just

Das verdeutlichte am Wochenende das Hessische Landespolizeiorchester mit seinem beeindruckenden Auftritt in der Kulturhalle.

„Die Gemeinde Münster setzt damit nach der Ungarischen Kammerphilharmonie oder dem Johann-Strauß-Orchester ihre lange Tradition erstklassiger Neujahrskonzerte fort“, sagte Thilo Becker, der die Veranstaltung federführend organisiert hatte. Auch zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Freiwilligen Feuerwehr Altheim tat er das so gut, dass er gleich zu Beginn von Orchesterleiter Alfred Herr ein dickes Lob für Organisation und Betreuung bekam.

„Bei einem Neujahrskonzert haben die meisten den TV-Auftritt der Wiener Philharmoniker vor Augen“, führte der Dirigent bei seiner Begrüßung an. Um die damit verbundene hohe Erwartungshaltung zu erfüllen, stand deshalb gleich zu Beginn die Fledermaus-Ouvertüre auf dem Programm. Es folgte ein Strauß bunter Melodien, darunter schnelle Polkas und als Klassiker der Radetzky-Marsch.

Laut Herr stellen Operettenstücke für ein Blasorchester eine echte Herausforderung dar, da dieses aus naheliegenden Gründen nicht über Streicher verfügt. Diesen Part müssten die Bläser übernehmen. Eine technisch schwierige Anforderung.

Nach der Pause gingen die Arrangements verstärkt in Richtung Big-Band. Erinnerungen an Glenn Miller oder ein Stück von Udo Jürgens gehörten ebenso zum zweieinhalbstündigen Repertoire wie Auszüge aus verschiedenen Musicals. Rund 220 Besucher wollten sich die 28 Musiker nicht entgehen lassen. Leider verloren sich die Zuhörer etwas auf dem großen Parkett der Kulturhalle.

Das Landespolizeiorchester Hessen ist an die hessische Bereitschaftspolizei angegliedert und hat formal seinen Sitz in Mainz-Kastell. Auf rund 90 bis 100 Auftritte kommen die Musiker im Jahr. Das sind im Durchschnitt ein bis zwei Vorführungen pro Woche. Durch diese große Zahl bleibt nebenbei keine Zeit mehr für Verwaltungsaufgaben oder den klassischen Polizeidienst. „Deshalb sind unsere Mitglieder größtenteils keine Polizeibeamten, sondern vielmehr gut ausgebildete Musiker, die in Uniform spielen. Sie sind rein für den Musikdienst abgestellt“, erklärte Herr.

In Deutschland gibt es in jedem Bundesland ein Polizeiorchester, das vor allem zur Öffentlichkeitsarbeit dient. Auch zu protokollarischen und polizeiinternen Veranstaltungen wird aufgespielt. In manchen Städten haben sich nebenbei noch kleinere Polizeikapellen gegründet. Da die Polizei Ländersache ist, existiert kein Orchester, das den Bund vertritt. Damit unterscheiden sie sich von den Musikern der Bundeswehr.

„Wir sind sehr flexibel und können auch kleinere Besetzungen anbieten“, erklärte Herr. So reiche der Bogen ihres Repertoires von Kammermusik bis zum Auftritt als Big Band. Eben alles, was Bläser so machen und machen können.

Wer bei Herr genauer hinhört, stellt noch eine weitere Besonderheit fest: Nicht nur die Uniformen der Musiker stehen für die Polizei, sondern auch der Sprachgebrauch. So stehen die Konzerte nicht im „Terminkalender“ sondern im „Dienstplan“. Und statt Auftritten wird, wie bei den Kollegen im Streifenwagen, von „Einsätzen“ gesprochen.

Quelle: op-online.de

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