Akteneinsicht um Haus der Kinder

Spiegel einer skandalösen Chronik

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24 Aktenordner, die den achtköpfigen Ausschuss in elf Sitzungen 23,5 Stunden beschäftigten. Neun Stunden dienten der Akteneinsicht, die eine 53-seitige Niederschrift ergab.

Münster - 15 Monate brauchte der Akteneinsichtsausschuss, um einen sechsseitigen Abschlussbericht zur Geschichte des 1994 erbauten und zwischenzeitig mehrfach sanierten „Haus der Kinder“ zu erstellen, der am Montagabend in der Gemeindevertreterversammlung vor rund 30 Besuchern verlesen wurde. Von Thomas Meier

Der Bericht mündet in einen Prüfantrag, den alle drei Fraktionen des Parlaments einstimmig mittragen. In sieben Punkten hat er nur ein Ziel: zu prüfen, wie die Gemeindevertretung künftig besser Aufsicht auf Bauvorhaben der Gemeinde erlangen kann. SPD-Sprecher Gerald Frank erachtete den mühevoll erstellten Bericht als eine „regelrechte Chronique scandaleuse“. Ihm widersprach nicht einmal der Bürgermeister.

Dem Vorsitzenden des Akteneinsichtsausschusses, Thomas Heinz, oblag es, in 20 Minuten die sechs Seiten des Berichts zu verlesen. Auch wenn er betont unbetont die Erkenntnisse zusammenfasste, konnten dem interessierten Zuhörer schon nach kurzem die Ohren schlackern ob der zahlreichen Missstände, die offenbar wurden.

Bereits die zu früheren Reparaturen und ersten Sanierungen erstellten Kurzgutachten stellen dem Objekt nur mangelhafte Beurteilungen aus, und zwar für Planung, Statik und Umsetzung. Planungsmängel zur Außenabdichtung traten zutage, da wurde beispielsweise mit einem Außenputz für 570 Quadratmeter gerechnet, tatsächlich fielen aber 828 Quadratmeter an. Kleinigkeiten, zu dem was folgen soll.

Fehlerhafte Planung und Führungslosigkeit

Da ist das Vordach zu unterdimensioniert, als dass es das Eindringen von Feuchtigkeit hätte verhindern können. Eine zusammenführende und koordinierende Bauoberleitung sei nicht erkennbar, heißt es im Bericht. Überhaupt kommen die Akteneinseher immer wieder zum Schluss, dass sich zur laxen und teilweise fehlerhaften Planung eine Führungslosigkeit gesellte. „Über Zuständigkeiten der Bauleitung wurden diverse Streitigkeiten zwischen Gemeindeverwaltung und verschiedenen Architekten geführt, die nicht abschließend geklärt wurden,“ heißt es übers Projekt, das nie unter gutem Stern stand: „Am 16.12.1993 erfolgte der Baubeginn zu einem witterungsbedingt ungünstigen Zeitpunkt.“

Es folgen seitenweise Schadensbilanzen: Abdichtung an der Stirnseite des Hauses fehlt, keine fachgerechte Flächenabdeckung auf der Bodenplatte, fehlende Wandabschlüsse, falsche Dämmung. Und zur Bauabnahme heißt es: „Es existieren keine ordnungsgemäßen Protokolle über eine Schlussabnahme.“

Bei so vielen Vorkommnissen gab es auch viele Schadensfeststellungen, von denen etliche protokolliert sind. Aber über Zuständigkeiten habe es nur wieder Streitereien gegeben – auch mit der Versicherung des Architekten –, die nicht abschließend geklärt worden seien. Kein Flies, kein Schotter, fehlender Bitumenanstrich – die Aktensichter stießen auf einen Aktenvermerk vom 18. Mai 1998 zu Feuchtigkeitsschäden und Rissbildungen im Gebäude. Und schreiben: „Eine Reaktion hierzu ist in den Akten nicht zu finden“.

Feuchtigkeit, Risse und mehr

1998 im September vermerkte die damalige Leiterin der Kita schriftlich, dass „einiges im Argen“ liege, Feuchtigkeit am Sockel des Gebäudes, erhebliche Risse in den Wänden und der Verglasung. Ein Jahr später erneut eine Schadensmeldung der Kita-Leitung. Und von da an folgte einer Reparatur- eine Schreckensmeldung auf die nächste. April 2002: Wasser tritt bei Regen durch die Fenster ein. Juli 2002: Linoleumbelag muss wegen offener Schweißnähte repariert werden, entstanden durch fehlerhafte Reinigung und zu hoher Temperatur der Fußbodenheizung. 2003 undichte Wasserzirkulation. Dann Feuchtigkeit in der Küche, dokumentiert am 1. Juni 2004. Defekte Dachziegel werden als Schuldige ausgemacht. 18. Oktober 2004 „Wasserschaden durch Lochfraß“, 1. November 2004: Schimmelbefall in einem Gruppenraum. 11.11.2004: Die Kita wendet sich in ihrer Not ans Bauamt. Die Materialkammer der Waschbärengruppe ist schimmelig. Angst vor Asthma und Allergien geht um. Am 19. November 2004 wird ein Trocknungsgerät aufgestellt. 9. Dezember 2004: Wasserschaden mit Teilstromausfall; drei Tage später: Wasser in Steckdosen.

Juli 2006: Eine separate Regelung fürs Warmwassersystem wird eingebaut, ums Überhitzen der Fußbodenheizung zu vermeiden. 2007: Röhrensyphon wird wegen Lochfraß und Austritt übelriechender Flüssigkeiten ausgetauscht. 2008: defekte Wasserhähne, faule Gipskartonplatten, es folgen 2009 defekte Kanalleitung wegen Rohrfraßes, Wurzeleinwuchs, defekte Warmwasserzirkulation...

Akten ohne erkennbare Ordnung

Zur Aktenführung bescheinigt der Ausschuss der Gemeindeverwaltung schließlich: „Die vorgelegten Akten unterliegen keiner erkennbaren Ordnung.“

Hauptkritik des Ausschusses: Die Bauleitung war nicht eindeutig geklärt, Zuständigkeiten wurden hin und her geschoben, dadurch Fristen für Regressnahmen vertan. Weil nicht alles lückenlos protokolliert war, fehlten wichtige Handhaben. Frank drastisch: „Es muss bei solchen Projekten klar definiert sein, wer den Hut aufhat.“ Dies sei bei der Kita fahrlässig versäumt worden.

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Und freilich erinnert der Sozialdemokrat daran, dass der beauftragte Architekt, dem von allen Fraktionen die Hauptlast zugeschanzt wird, bis vor zwei Jahren Mitglied der Mehrheitsfraktion in der gemeindevertretung war. Ein „Geschmäckle“ bliebe schon.

„Verantwortung trägt das Architekturbüro“ war so auch Credo von Gehard Bonifer-Dörr. Der Sprecher der Alternativen Liste Münster und Altheim (ALMA) konstatierte auch Versäumnisse der Gemeindevorstände unter Bürgermeister Karl Grimm, erkannte aber: „Dass sich in der jüngeren Vergangenheit in der Verwaltung Verbesserungen“ abzeichneten. Eine solch mangelnde Baubetreuung wie zum Haus der Kinder dürfe nicht mehr vorkommen.

Quelle: op-online.de

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