„Alles in allem: ein treffliches Geläut“

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Es ist der 11. April 1950, als ein festlich geschmückter Laster die vier neuen Glocken vom Altheimer Bahnhof in die envagelische Kirche bringt.

Altheim - Das ganze Dorf steht da am Bahnhof, fein rausgeputzt und fröhlich gestimmt. Neben ihnen ist ein Laster mit Girlanden geschmückt zum Abholen bereit gestellt. Von Kathrin Rosendorff

Auch der Bürgermeister, der Kirchenvorstand und der Spielmannszug der freiwilligen Feuerwehr mit den Bläsern an der Spitze sind bereit, um die vier Ehrengästen zu begrüßen. Es ist der 11. April 1959 und die evangelische Kirche bekommt, nachdem sie ihre Glocken im Zweiten Krieg abgeben musste (diese wurden eingeschmolzen), vier neuen Glocken. Diese kommen, frisch gegossen, aus Bad Friedrichshall-Kochendorf. Der Festzug geht vom Bahnhof bis zur Kirche durch die geschmückten Straßen.

„Für uns war das Eintreffen der Glocken, wie sagen die Jugendlichen heute, ein Mega-Event“,erzählt der Münsterer Parlamentschef Günter Willmann und lacht. Als Zehnjähriger hat er den Festzug – „ein wahrer Volksauflauf“ durch Altheim – miterlebt.

Das 50. Jubiläum, das am Sonntag, 19. April (an diesem Tag wurden die Glocken geweiht) gefeiert wird, verpasst er, weil er gerade im Urlaub ist. „Ich war sogar beim Glockenguss am 6. März dabei, da hatte die Gemeinde extra einen Ausflug nach Kochendorf organisiert“,sagt Willmann und seine Stimme ist voll freudiger Erinnerung.

Die schwerste der vier ist die Fis-Glocke mit 814 Kilogramm.

Pfarrer Ulrich Möbus war weder beim Glockenguss noch bei der Einweihung dabei, schwärmt aber trotzdem von den Glocken. „Ich mag ihren Klang sehr“, sagt er und betont, dass er, obwohl er direkt neben der Kirche wohnt, nie von ihnen genervt ist. Seit sechs Jahren ist Möbus Pfarrer der Gemeinde und interessiert sich für die Glocken-Historie. „Was ich weiß, ist das, was meine Vorgänger aufgeschrieben haben.“Dabei bezieht er sich auf das Heimatbuch„Die Kirchen von Altheim und Harpertshausen“ von Helmut Walter, einem seiner Vorgänger.

„Lange hatten die Altheimer nach dem Krieg auf die neuen Glocken warten müssen“,erzählt Möbus. Bei 16 000 Mark lag ihr Kaufpreis, Montage inklusive. Es gab Haussammlungen und Spendenaufrufe. 12 100 Mark gingen allein durch eine große Aktion ein, bei der sich auch die Katholiken „durch Spenden rege beteiligt“ haben, so schreibt es Walter.

Im Anschluss an den Gottesdienst am Sonntag, 19. April, besteht die Möglichkeit, die Glocken zu besichtigen.

In seinem Heimatbuch zitiert Walter auch einen erfahrenden Orgel- und Glockensachverständigen: „In Auftrag gegeben hatten sie ein Viergeläut in den Tönen fis‘, a‘, h‘ und d‘‘ in mittelschwerer Konstruktion. Die bestellten Töne sind genau getroffen ... Alles in allem: Das Geläut ist so trefflich ausgefallen, dass jede weitere Bemerkung überflüssig ist.“Die fis-Glocke ist dabei die schwerste mit 814 Kilogramm, gefolgt von der a- (467 Kilogramm), h- (330 Kilogramm) und der kleinen, „leichten“ d‘‘-Glocke mit 197 Kilogramm. „Das Hochziehen der Glocken war wohl ein richtiger Akt“, erzählt Möbus. „Damals gab es noch nicht so hohe Kräne, also mussten sie mit einer Art Flaschenzug hochgezogen werden.“

Beim Gottesdienst am Sonntag will er auf die Botschaften der vier Glocken, jede hat eine besondere Inschrift, in seiner Predigt eingehen. Auf der Kleinsten steht: „Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeigt, dass wir Gottes Kinder sollen heißen.“Die Kinder sind es auch, so Pfarrer Möbus, die sich immer freuen, wenn sie in den Kirchturm dürfen. Ein „Mega-Event“ wie vor 50 Jahren ist das aber nicht.

Quelle: op-online.de

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