Projekt „AktVIS“ gestartet

Alten Ortskern entwickeln

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Die Hintergasse steht bei Münsters Ortskern-Entwicklung neben der Damm- und der Austraße besonders im Blickpunkt.

Münster - Historische Orts- kerne vor dem Verfall bewahren und ihnen mit intelligenten Nachnutzungskonzepten wieder neues Leben einhauchen: Das ist das Ziel des Projektes „AktVIS“, das gestern in Münster gestartet worden ist. Von Jens Dörr 

Zur Einleitung ein Blick in die Nachbarschaft: Die Einwohnerzahl der Gemeinde Otzberg ist konstant, die ihres Ortsteils Ober-Klingen ist es nicht. Acht Prozent seiner Einwohner hat Ober-Klingen in den vergangenen 15 Jahren verloren, besteht heute noch aus 910 Seelen. 16 Häuser im ländlich geprägten Dorf sind derzeit unbewohnt, dazu 30 Scheunen kaum oder gar nicht genutzt. 26 weitere Häuser sind von Leerstand bedroht. Eine schleichende Verödung hat eingesetzt.

Auch in Münster könnte es in den nächsten Jahren und Jahrzehnten dazu kommen, zumindest im alten Ortskern. Zu dem zählt Bürgermeister Gerald Frank etwa Hintergasse und Dammstraße, etwas weiter östlich aber auch die Austraße. „Die Bausubstanz der dortigen Häuser ist teilweise sehr schlecht, die Gebäude stammen teils aus dem 17. Jahrhundert.“ In ihrer jüngsten Gemeindevertreter-Sitzung waren sich Münsters Kommunalpolitiker einig, dass so einige Wohnmöglichkeiten in Münsters ältesten Straßen von Zuschnitt und energetischen Standards her nicht mehr das darstellten, was Immobiliensuchende heute nachfragten. Und daher den Beschluss fassten, dass sich Münster um die Aufnahme in das Programm „Städtebau in Hessen“ bewerben möge (wir berichteten).

Eine der Vorstufen dafür ist das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung komplett finanzierte Forschungsprojekt „AktVIS“, was für „Aktivierung von Flächenpotenzialen für eine Siedlungsentwicklung nach innen – Beteiligung und Mobilisierung durch Visualisierung“ steht. Am Montagvormittag wurde das auf zwei Jahre angelegte „AktVIS“-Projekt im Münsterer Rathaus offiziell vorgestellt und gestartet.

Mit dabei waren in Workshops sowie in einer öffentlichen Präsentation neben Frank und weiteren Vertretern Münsters auch Otzbergs Bürgermeister Matthias Weber sowie Vertreter aus Bensheim´, wo dem 342-Seelen-Ortsteil Langwaden ähnliche Probleme wie Ober-Klingen und Münsters Ortskern drohen, der TU Darmstadt, des Fraunhofer-Instituts für Graphische Datenverarbeitung (IGD) und des Regionalmanagements des Landkreises Darmstadt-Dieburg. Letzteres stieß die 23 Städte und Gemeinden des LADADI in der Vergangenheit dazu an, seine Leerstände, Baulücken und Umnutzungs- sowie Sanierungspotenziale zu erheben.

Dies ist auch ein wichtiger Bestandteil von „AktVIS“. Gemeinsam mit den Bürgern, das betonten die Beteiligten zum Projektstart am Montag immer wieder, sollen Potenziale in Ortsgebieten mit derzeit noch schlechter Prognose entdeckt und visualisiert werden. Bei der Erhebung der Daten helfen beispielsweise Karten des Amts für Bodenmanagement; sie werden zusammengetragen, ergänzt und strukturiert vom Institut für Geodäsie (Fachgebiet Landmanagement) der Technischen Universität. In einem weiteren Schritt soll das Fraunhofer IGD durch Computerprogramme und über einen Multitouch-Tisch den Bürgern vor Augen führen, was es optisch beispielsweise konkret bedeuten würde, wenn das alte Haus nebenan durch einen Neubau ersetzt würde.

Vertreter des TUD-Instituts für Arbeits- und Ingenieurspsychologie sollen die Forschung ebenfalls begleiten. Sie kommen dann ins Spiel, wenn es in den kommenden Monaten auch in Münster darum gehen soll, die betroffenen Anwohner für den Sinn der angestoßenen Ortskern-Entwicklung zu sensibilisieren, mit ihnen in Bürgerworkshops Zukunftspläne für einen noch lebenswerteren Ortskern zu entwerfen und schließlich auch konkret in Einzelgespräche mit Immobilieneigentümern zu kommen. Diese voraussichtlich besonders anspruchsvolle Aufgabe wird stark in den Händen der Münsterer Verwaltung liegen. Die TUD-Psychologen wollen begleitend etwa erheben, wie sich im Zuge möglicher Veränderungen oder zumindest der konzeptionellen Diskussion darüber innerhalb eines Viertels ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln und möglicherweise verstärken kann.

Im weiteren Verlauf dieses Jahres wäre nach der nun gestarteten Forschung die Aufnahme in das Bund-Land-Förderprogramm „Stadtumbau in Hessen“ der nächste Schritt für Münsters Ortskern-Entwicklung. Wird Münster aufgenommen, könnten über den Zeitraum von zehn Jahren hinweg nicht nur Maßnahmen in der Ortskern-Entwicklung mit bis zu zwei Dritteln an Fördermitteln massiv finanziell unterstützt werden, sondern darüber hinaus auch eine „grüne Achse“ in der Gemeinde. Sie könnte eine Verbindung vom Friedhof über den Rathaus-Platz bis hin zum Bahnhof schaffen. Die Umgestaltung des Rathaus-Platzes wäre dabei die zentrale, aber nicht die einzige Maßnahme. Hinzu käme die finanzielle Unterstützung bei „blauen“ Infrastrukturmaßnahmen, die insbesondere eine Fortsetzung der Gersprenz-Renaturierung beinhalten würden. Auch das ehemalige Elima-Gelände (neben dem Frankenbach-Areal) geriete städtebaulich in den Fokus. Eine Entscheidung, ob Münster in das Programm aufgenommen wird, soll bis spätestens zum Sommer fallen. Die Gemeinde konkurriert mit etwa 60 anderen, von denen in diesem Jahr ein Drittel aufgenommen wird.

Bilder: Kerb in Münster

Quelle: op-online.de

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