Ansichten einer Heimatlosen

+
„Die Kurdin“ heißt die Ausstellung von Yildiz Birsen, die im Rathausfoyer von Münster an das Schicksal einer ethnischen Volksgruppe ohne Land erinnert. Yildiz Birsen mit Sohn Fragnelli in ihrer Ausstellung „Die Kurdin“ in Münsters Rathausfoyer.

Münster - Tiefdunkle, erdig-rote Flächen auf olivgrünen Hintergründen irritieren den Betrachter. Sie trüben die Stimmung mindestens ebenso wie die flachen Gesichter mit ihren schmalen Augen. Münder sind entweder geschlossen oder zum Schrei geöffnet. Von Thomas Meier 

Und die Titel des Dutzend großflächiger abstrakter Bilder, die bis zum 23. Mai im Foyer des Rathauses Münster gezeigt werden, verheißen auch nichts Gutes: „Enfal und Aleppo Massaker“, „Rojova Massaker“ oder „1914 bis 1918“ heißen die Werke von Yildiz Birsen. Die Kurdin lebt und wohnt seit 2005 in Münster und stellte 2007 erstmals ihre eindringlichen Bilder bei der großen Jahresausstellung „Kunst zwischen der Kerb“ in der Kulturhalle aus. Die Mittdreißigerin versteht sich nicht etwa als politische Künstlerin. Vielmehr möchte sie humanistische Mahnerin sein, durchaus allerdings im Sinne ihrer kurdischen Herkunft. „Die Kurdin -heimatlos“ heißt so auch ihre Retrospektive der vergangenen zehn Jahre.

Von 1998 bis 2002 studierte die sich mit kräftigem Pinselstrich ausdrückende Malerin an der Sivas Cumhuriyet Üniversitesi. Sivas liegt im Scheitelpunkt zwischen Schwarzmeerregion, Ostanatolien und Zentralanatolien, zum größten Teil liegt sie aber in Zentralanatolien und wird daher auch dieser Region zugerechnet. Dort leben viele Landsleute der auch des eigenen Friedens Willen nach Münster gekommenen Kurdin. Die ethnische Minderheit fühlt sich in der Türkei heimatlos. „Sie ist es“, sagt Birsen, und dieser Zustand mit all seinen dramatischen, tragischen Begleiterscheinungen über die Jahrhunderte ist ihr künstlerisches Thema. Vor allem die Massaker des 20. Jahrhunderts versucht die Malerin darzustellen. Dabei ist es ihr wichtig, neben der Gräuel auch die kulturellen Überreste des geplagten Kurdistans aufzuzeigen.

Volk ohne Heimat

Würde, Selbstbewusstsein, Eigenständigkeit strahlen ihre abstrakten Bilder aus. Wo sie gegenständlich werden, zeigt sich dennoch die Verletzlichkeit. „Die Historie der Kurden wird als nicht vorhanden dargestellt“, kritisiert sie. Und eben die Geschichte der Ethnie am Leben zu erhalten, dienen ihre Werke. Die Massaker an ihrem Volk werden in ihren Augen noch immer fortgeführt – egal, unter welchen Regierungen. 40 Millionen Menschen, die sich selbst als Kurden bezeichnen, würden an den Rand der Gesellschaft gedrängt, ihrer Identität Stück für Stück weiter beraubt.

Selbst in der Türkei als Tochter kurdischer Eltern aufgewachsen, spricht die Frau mit türkischem Pass nicht die türkische Sprache. Ihr Kurdisch gehört zu den indogermanischen Sprachen, und dies wird von ihrem Volk ohne Heimat gesprochen in der Türkei, im Irak, Iran und in Syrien. „Und doch haben wir überall dort keine Wurzeln“, sagt Birsen. Verheiratet ist Yildiz Birsen mit einem Italiener, der wiederum kein Kurdisch spricht, und ihr vierjähriger Sohn Fragnelli wächst praktisch multilingual auf. Er malt übrigens heute schon fast so gern wie die Mama. Nur strahlen seine Bilder in kräftigem Gelb, Blau und Grün den kindlichen Optimismus aus, den ihm die Eltern auch nicht nehmen wollen. Die Schau ist zu den Öffnungszeiten des Münsterer Rathauses bis Freitag, 23. Mai, zu sehen.

Schulverbundskonzert in der Kulturhalle

Schulverbundskonzert in der Kulturhalle

Quelle: op-online.de

Kommentare