Umweltforscher von Weizsäcker referiert in der Kulturhalle

Appell an die Genügsamkeit der Welt-Gesellschaft

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Professor Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker.

Münster - „Wenn die ganze Welt den Lebensstil von den reichen Amerikanern pflegen würde, dann bräuchten wir fünf Erdbälle.“ Von Michael Just

Die Aussage von Professor Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker saß beim Publikum, genauso wie die Ankündigung, dass die Natur zurückschlagen werde, wenn der Mensch nicht schonender mit ihr verfahre. Die weltweit verheerenden Überschwemmungen im Juni diesen Jahres hätten das bereits auf katastrophale Weise gezeigt.

Auf Einladung der Sparkasse Dieburg referierte der weltweit gefragte Klimaforscher und Umweltpolitiker nun in der Münsterer Kulturhalle. Grundlage war sein Buch „Faktor Fünf - Die Formel für nachhaltiges Wachstum“. Mit der Einladung des Neffen des ehemaligen Bundespräsidenten packte die Sparkasse in puncto Nachhaltigkeit ein aktuelles Thema an. Mit dem Vortrag erhoffe sie sich, wie es Sparkassendirektor Manfred Nessler in seiner Begrüßung formulierte, eine Handlungsempfehlung für alle, die verantwortungsbewusst leben und wirtschaften wollen.

Klima, biologische Vielfalt und mehr

Von Weizsäcker machte zuerst klar, dass man global an einem Punkt angelangt sei, an dem es so nicht mehr weitergehen könne. Das Klima, die biologische Vielfalt, Wasser und Böden oder der Fischbestand der Meere stünden auf dem Spiel. Der ansteigende Meeresspiegel wird für ihn in einer Weise ignoriert, wie man es kaum verstehen kann: „Manila, Jakarta und viele andere weitere Mega-Städte, wie etwa in China oder Japan, sind am Meer gebaut. Wenn Grönland abbricht, ist eine Milliarde Menschen heimatlos“, malte der Träger des deutschen Umweltpreises aus. Die passive Haltung der führenden Industriestaaten führte er darauf zurück, dass der bisherige Wohlstand eng mit dem CO2-Ausstoß zusammen hänge. „Es ist wie beim Mikado: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren“, machte Weizsäcker klar. Jede dieser Wirtschaften sei nur auf Wachstum ausgelegt. Das mache es schwierig, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

Abhilfe sieht Weizsäcker in einem effizienteren Umgang mit der Energie: So würden alleine Passivhäuser eine zehnfache Energieeffizienz bedeuten und parallel dazu noch die Wirtschaft beim Mittelstand ankurbeln. Den Wahnsinn der Energieverschwendung machte er daran deutlich, dass Erdbeeren 8 000 Kilometer quer durch Europa mit dem Lkw gekarrt würden, nur um den Bedarf an Erdbeerjoghurt zu decken.

Umgang mit Ressourcen

Weitere Ansatzpunkte sind für den Autoren der bedachte Umgang mit Ressourcen, der mit einer Senkung der Arbeitsproduktivität einhergehen müsse. Hier befände man sich in einer Spirale, in der sich die Produktivität der Industrie und ständig steigende Löhne wie beim Ping-Pong gegenseitig hochschraubten.

Die oft gestellte Frage, was jeder einzelne tun kann, beantwortete der Referent ebenfalls: Im Bio-Markt einkaufen, Bahn und Radfahren, nur alle vier Jahre ein neues Handy anschaffen, weniger Fleisch essen, Solarstrom nutzen, drei statt zehn Minuten duschen und vielleicht die Espresso-Maschine einmotten, denn die sei ein wahrer Stromfresser. „Dann bräuchten wir nur noch viereinhalb Planeten“, sagte der Umweltpolitiker schmunzelnd und drückte damit aus, dass das alles bei weitem nicht reiche. Die vier Hauptsektoren, in denen man eine technische Revolution anpacken müsse, sieht er in den Bereichen Gebäude, Verkehr, Industrie und Landwirtschaft.

Der Experte zeigte sich als ruhiger und sachlicher Referent. Eine Stunde dauerten die Ausführungen, danach konnten die Besucher Fragen stellen, bevor die Sparkasse ins Foyer der Kulturhalle zur persönlichen Begegnung der Gäste untereinander und mit dem Referenten einlud. Mit nach Hause dürften die meisten Besucher die Ansage Weizsäckers genommen haben, dass weniger Energieverbrauch auch weniger Wohlstand bedeutet. „Wir werden mit Sicherheit nicht arm werden, aber etwas mehr Genügsamkeit ist unausweichlich“, so seine Botschaft.

Quelle: op-online.de

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