Störer kommen in den Trainingsraum

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Ein leerer Tisch zeigt an - die Methode des Trainingsraum greift schon im Vorfeld.

Münster - „Ein Konzept macht Schule“, so könnte man eine Idee nennen, die aus den USA nach Deutschland gekommen ist und nun auch in der Münsterer Schule auf der Aue Fuß gefasst hat: der so genannte „Trainingsraum“. Von Jasmin Frank

„Wir sind seit einem halben Jahr in der Testphase und haben schon sehr gute Ergebnisse vorzuweisen. Der Trainingsraum versteht sich als ein Programm zur Minderung der Unterrichtsstörungen“, erläutert Initiatorin Jennifer Thomas das Konzept. Es ist ein von Lehrkräften betreuter Raum, in den Schüler geschickt werden, die den Unterrichtsfluss maßgeblich stören. Dort bearbeitet der Schüler einen Plan, in dem er über sein Verhalten nachdenkt und Alternativen zu seinem gezeigten Störverhalten entwickelt. Die betreuende Lehrkraft bespricht im Anschluss diesen Plan mit dem Schüler, es findet ein Rückkehrgespräch statt.

Die Lehrkraft im Vorbereitungsdienst ist während ihres Studiums auf die 1994 von Edward Ford entwickelte Möglichkeit aufmerksam geworden und hat sie als Modul „Schule mitgestalten und entwickeln“ in Münster mit Unterstützung der Schulleiterin, Sabine Behling-Schmidt, eingeführt.

Ein festgeschriebenes Verfahren

War bislang bei Störungen im Unterricht jeder Lehrer individuell mit seinen jeweiligen pädagogischen Maßnahmen befasst, so gehen die 50 teilnehmenden Lehrkräfte nun nach einem festgeschriebenen Verfahren vor. „Die Basis bilden unsere Rechte und Pflichten an der Schule, zu denen gehört, dass jeder Lehrer das Recht hat, ungestört zu unterrichten, jeder Schüler das Recht genießt, ungestört zu lernen und sich beide Seiten darüber auch einig sind, die Rechte des anderen zu akzeptieren“, erläutert Thomas.

Stört nun ein Schüler im Unterricht, wird er zunächst gefragt, was er da eigentlich gemacht habe, wie die Regel lautet und gegen welche Regel er verstoßen habe. Nun hat der Delinquent die Gelegenheit sich zu entscheiden: Will er im Unterricht bleiben und sich an die Regel halten, oder den Trainingsraum aufsuchen. Da der mehrfache Besuch dieses speziellen Raumes aber gewisse Konsequenzen mit sich bringt, wollen die Schüler in der Regel lieber in der Klasse bleiben. Nur wer dann erneut stört, entscheidet sich durch sein Verhalten für einen Besuch des Trainingsraums. Dieser ist stets mit einer Lehrkraft besetzt und alle 50 Lehrer opfern eine Freistunde, um das Konzept zu unterstützen.

„Ich helfe hier gerne mit“

So auch Isabell Watzke. „Ich helfe hier gerne mit, denn ich finde das Konzept sehr gut. Ich habe in den sechs Monaten eindeutig gemerkt, dass die Störungen im Unterricht spürbar abgenommen haben.“ Das können auch die Schüler berichten, so meint Nico: „Ich war zwar noch nie im Trainingsraum, habe aber den Vergleich, denn ich habe die Klasse gewechselt. Während in meiner alten Klasse Störungen an der Tagesordnung waren, kann ich jetzt viel besser lernen. Der Unterricht verläuft in ruhigen Bahnen und wir kommen gut mit dem Stoff durch.“

Im Trainingsraum selbst müssen die Kinder einen Plan erstellen, damit sie lernen, sich eigenverantwortlich mit ihrem Handeln auseinanderzusetzen. Auch hier stehen die Fragen „Was habe ich gemacht?“ und „Gegen welche Regel habe ich verstoßen?“ an erster Stelle, doch die Betroffenen sollen auch den Grund für ihr Handeln dokumentieren.

Einen anderen Platz in der Klasse suchen

„Wichtig ist, dass die Kinder im Anschluss einen Vorschlag entwickeln, wie sie ihr Verhalten ändern können. Wer gerne mit dem Sitznachbarn ein Schwätzchen hält, könnte sich einen anderen Platz in der Klasse suchen“, erläutert Thomas. Die Vereinbarung wird zwischen dem Schüler, dem Lehrer des Trainingsraums und der „schickenden Lehrkraft“ getroffen. Wer häufiger als zwei Mal im Trainingsraum zu Gast ist, muss sich auf Konsequenzen gefasst machen: Nach dem dritten Besuch erfolgt ein Gespräch zwischen Lehrer, Schüler, Eltern und gegebenenfalls der Sozialarbeiterin. Nach dem vierten Besuch geht eine schriftliche Missbilligung an die Eltern und es erfolgt ein Eintrag in die Schulakte. Und nach dem fünften Besuch wird eine Klassenkonferenz einberufen, die weitere Beschlüsse, wie den Ausschluss von Veranstaltungen fällen kann.

„In den meisten Fällen kommt es aber gar nicht so weit und das ist ja auch das Ziel: Oft reicht schon das Frageritual aus, um den Kindern die Regeln wieder in Erinnerung zu rufen. Viele Kinder kommen ein oder zwei Mal hier her, aber es gibt auch einige wenige Fälle, die schon häufiger zu Gast waren“, meint Thomas. Gezählt wird ohnehin nur pro Halbjahr, denn die Kinder sollen die Chance haben, sich zu beweisen.

„Bei Lehrern, die nicht am Projekt teilnehmen, bekommt man eine Strafarbeit“

So ging es auch Jan: „Ich war im letzten Halbjahr zwei Mal hier, dieses noch gar nicht. Als ich meinen Plan geschrieben habe, ist mir mein Verhalten klar geworden. Lautes Rufen oder Spielen mit den Stiften stört eben.“ Er findet die neue Initiative sehr gut und vergleicht: „Bei Lehrern, die nicht am Projekt teilnehmen, bekommt man eine Strafarbeit. Dann schreibt man eben irgendetwas ab, ohne groß darüber nachzudenken. Hier muss man zwar auch einiges schreiben, aber es hat einen Sinn: Man weiß hinterher nicht nur, welcher Fehler einem unterlaufen ist, sondern auch, was man in Zukunft dagegen tun kann. Das hilft einem wirklich weiter.“

Da das Konzept damit sowohl von Schüler- als auch von Lehrerseite befürwortet wird, dürfte es nach der Testphase wohl weiterlaufen, denn das Ziel, guten Unterricht halten zu wollen, wird so mit Tatkraft gefüllt.

Quelle: op-online.de

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