Medikamente liegen offen herum

Aufgebrochenes Bahnhaus: Einblicke, die schaudern lassen

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Einblick: Die Tür des kleinen, ehemaligen Bahnwärterhäuschens am Altheimer Bahnhof hängt seit Wochen aufgebrochen in den Angeln. Dahinter die geordnete Bettstatt im Chaos.

Altheim - Wohl vor Wochen muss das kleine Häuschen am Altheimer Bahnhof aufgebrochen worden sein. Von Thomas Meier 

Im Innern des ehemaligen Technik-Gebäudes, das nach Wunsch von Münsters Lokalpolitikern schon längst abgerissen gehörte, sieht es nicht nur verheerend aus: Es liegen auch Medikamente frei zugänglich auf Matratzen herum. Obwohl Gemeindeverwaltung, Bahnpolizei und der Eigentümer, die DB-Netz, seit über einer Woche Kenntnis vom Zustand der Immobilie haben, passierte bislang nichts.

Aufblick: Zwischen reinlich in Plastik verpackten Hygieneartikel die rezeptpflichtigen Medikamentenpäckchen, die einige Aufschlüsse zulassen.

Es dient wohl einem Menschen ohne Obdach als Schlafunterkunft, das ehemalige Bahnwärterhäuschen auf dem noch unbefestigten Teil des Pendlerbahnhofs, also dem Altheim zugewandten. Schon oft waren der Zustand und das seit Jahrzehnten wilden Sprayern als Objekt künstlerischer Kreativität überlassene Häuschen sowie der unschöne, immer wieder als wilde Müllkippe missbrauchte Platz Gegenstand politischer Diskussion. Die Kommunalpolitiker aller Fraktionen Münsters wollten Verbesserungen erreichen, den Pendlerparkplatz wie den gegenüber auf Münsterer Seite liegenden Teil asphaltieren lassen. Schon mehrfach wurden die Bahn und die DB-Netz gebeten, etwas zur Verbesserung der misslichen, unschönen Lage zu unternehmen. Bislang geschah nichts.

Ausblick: Eigentlich sollte der Schadfleck nach Wunsch Münsters Kommunalpolitiker schon längst weg sein.

Nun hatte die Gemeinde für Freitag, 4. Mai, eben auf jenen verschandelten Platz eingeladen, um mit dem Naturschutzbund die weiteren Pläne zur Renaturierung der unmittelbar angrenzenden Semmer Aue zu präsentieren. Kommunalpolitiker, Naturschutzbündler, Verwaltungsbedienstete, Vermesser und Vertreter der eingeladenen Presse waren gekommen, zu hören und zu sehen. Und bevor alle da waren, betrachteten sich einige aus der über zwei Dutzend Personen starken Gruppe auch das unschöne Bahnhofsumfeld. Ein paar bemerkten nicht nur die aufgebrochene Tür des Häuschens, sie schauten auch mal hinein, blickten hinter die bemalte, besprayte und sonst wie verunreinigte Stahltür. Sie hielt dem jüngsten brachialen Angriff nicht stand und hängt nurmehr verbogen in ihren Angeln. Auch einen Türgriff hat der Hausverschluss schon lange nicht mehr: abgebrochen und versengt das Plastikteil, das einst zum Öffnen der Tür diente.

Anblick: Das WC hat schon lange keinen Wasseranschluss mehr.

Hinter dem geschundenen Türflügel sollte der An- und Ausblick nicht besser werden. Alle Wände im Innern weisen Graffiti auf. Unter den wüsten Schmierereien Glasscherben längst zerdepperter Flaschen, leere Zigarettenschachteln, Dreck und Unrat. Inmitten des Ganzen, gleich hinterm Eingang mitten im ersten von drei kleinen Räumen, liegen zwei aufeinander gestapelte Matratzen. Auf der Bettstatt ist es relativ sauber, teilweise gar penibel rein. Am Kopf- oder Fußende steht ein Katzen- oder Hundetransportbehältnis, dem allerdings der Deckel fehlt. Darunter ein Stock oder Besenstiel. Ein Paar Jeans, die gewaschen scheinen, und ein bereits arg strapaziertes Sweatshirt liegen dahinter. In durchsichtigen Plastiksäcken, fein säuberlich verschnürt, sind Waschutensilien, Zahnbürste und -pasta sowie weitere Hygienemittel erkennbar.

Keine Frage, hier lebt/haust ein Mensch. Auch wenn er nicht anwesend ist, lassen seine Hinterlassenschaften auf den ersten, auch noch so flüchtigen Blick einige Rückschlüsse zu. Dass es ein ganz armer Mensch sein muss, der in solch unwürdiger Umgebung vegetiert, ist offensichtlich. Auch, dass er um sein Weniges, das er hat, bedacht sein muss.

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Dass er zudem an Neurodermitis leidet und an Arthrose, an Magen-Darm-Beschwerden sowie an übermäßigem Schweißausbruch, das ist aus den Medikamentenpäckchen und Salben ersichtlich, die zwischen Wäsche und Waschsachen liegen. Die Medikamente sind teilweise rezeptpflichtig und teuer, die Päckchen nicht leer.

Der unschöne, wenngleich hochinformative Blick ins Häuschen am Bahnhof sorgt vor dem Semme-Renaturierungs-Termin unter einigen Beobachtern für Gesprächsstoff. „Das kann doch nicht wahr sein“, ist noch eine harmlose Bemerkung. Dann widmet man sich dem Bach.

Das Wochenende vergeht, der Zustand bleibt. Eine Nachfrage bei der Gemeinde Münster, ob denn Ordnungsamt oder -polizei etwas vom Aufbruch und den Zuständen wisse, wird verneint. Das Ordnungsamt ist auch nicht zuständig, denn per se ist der Bahnhof Privatgrundstück der DB-Netz, da könne man nichts ausrichten.

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Nun, ausgerichtet hat der Bahnpolizei bis dahin auch noch niemand etwas vom Einbruch. Die Bundespolizei in Frankfurt, zuständig für Bahnanlagen und somit auch Altheim, jedenfalls weiß nichts von einem Einbruch. „Uns wurde nichts gemeldet. Das gehört der DB-Netz, rufen Sie doch dort mal an“, rät die Pressestelle der Bundespolizei.

Und da weiß dann am Mittwoch, 9. Mai, auch der Pressesprecher der Deutschen Bahn, schon Bescheid. Von der Kollegin bei der Bundespolizei. Und nein, man habe zuvor noch nichts vom Einbruch gemeldet bekommen, und ja, ein Trupp DB-Mitarbeiter sei schon ausgesandt worden, zu schauen und die Tür zu verschließen.

Doch auch über Himmelfahrt fand der Trupp der Bahn wohl nicht den Weg gen Altheim. Und am Freitag hatte der Pressesprecher noch immer keine Rückmeldung von den informierten Kollegen, aber da war auch so „ein blöder technischer Defekt“, der alles beschäftigte.

Und auch Montag, Dienstag und gestern bot sich dem geneigten oder auch entsetzten Betrachter am Bahnhof Altheim das gleiche Bild: Tür auf, Desaster, Medikamente auf dem Bett. Der Eigentümer scheint ebenfalls kein Interesse mehr an seinen Sachen zu haben, sie liegen nach wie vor unberührt im Chaos des Bahnwärterhäuschens.

Wir wissen nicht, wie viele pendelnde Schüler täglich den Bahnhof frequentieren. Aber es gibt sicher ganz viel Wichtigeres als die Hinterlassenschaft eines armen Menschen in einem längst vergessenen Häuschen an der Bahnstrecke Aschaffenburg-Wiesbaden. Hierzu ein Angemerkt

Quelle: op-online.de

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