„Außer Geld müssen Ideen her“

Auswirkungen der Corona-Krise: Regionale Musikszene in Gefahr?

Eventfotograf Karl Reiß, hier mit einem Mitglied von The KISS-Tribute-Band, sorgt sich um die regionale Musikszene in Münster, Dieburg und Umgebung und fordert: „Außer Geld müssen kreative Ideen her.“
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Eventfotograf Karl Reiß, hier mit einem Mitglied von The KISS-Tribute-Band, sorgt sich um die regionale Musikszene und fordert: „Außer Geld müssen kreative Ideen her.“

Karl Reiß knipst normal bis zu 100 Veranstaltungen pro Jahr und sieht Gefahr für regionale Musikszene . Sein Rat für die Zwangspause: „Projekte suchen und aktiv bleiben.“

Münster – Bryan Adams hat er in perfekter Rocker-Pose abgelichtet, Comedian Bülent Ceylan beim exklusiven Hautnah-Auftritt fotografiert und mit BAP beim 30-Mann-Konzert Salzstangen geknabbert. Trotzdem kennt man den Münsterer Karl Reiß vor allem von zig Veranstaltungen an seinem Wohnort und in Dieburg. „Events, Konzerte, Partys – da bin ich zu finden“, sagt der 64-Jährige, der früher bei der Post arbeitete, finanziell autark ist und die lokale Kulturszene mit seinen Bildern bereichert, zu sehen auf seiner Facebook-Seite PhotoArt. Zudem betreibt er die Facebook-Seite „Events in und um Dieburg“, die fast 2 000 Mitglieder hat.

Regionale Musikszene: Von bis zu 100 Veranstaltungen im Jahr zu sechs Konzerten durch Corona

Doch wie geht es im monatelangen Lockdown einem Event-Fotografen ohne Events? Reiß, in Dieburg als bunter Hund inzwischen fast noch bekannter als in Münster, hat da einen Plan, sorgt sich aber um die regionale Musikszene. Normalerweise fotografiert Karl Reiß „fünf bis zehn Veranstaltungen pro Monat“, macht im Jahr bis zu 100 Kamera-Einsätze. Vor allem im Sommer, wenn Open Air auf Open Air folgt und die Vereine das gesellschaftliche Leben bereichern, jagt er von einem Ereignis zum nächsten, als passionierter Musiker vor allem von Konzert zu Konzert. Auch an Fastnacht scheint der Münsterer omnipräsent, vor allem in Dieburg. 2020 konnte er zwar den Ausklang der närrischen Kampagne und gerade die KVD-Sitzungen noch mitnehmen. Dann aber begann die kaum unterbrochene Durststrecke, deren Ende noch nicht absehbar ist. „Seit der Corona-Zeit war ich vielleicht noch auf fünf, sechs Konzerten“, seufzt Reiß. Stets solche mit geringer Zuschauerzahl und angezogener Handbremse vor der Bühne. „Alles ziemlich traurig, obwohl sich die Veranstalter und Bands meist große Mühe gegeben haben.“

Insofern mussten erstmal neue eigene Pläne her. „Mein Ratschlag ist, sich während Corona Projekte zu suchen und aktiv zu bleiben“, sagt Reiß. „Es bringt nichts, sich hinzulegen und zu darüber zu klagen, wie schlecht die Welt ist.“ Tat er auch nicht, „ich hatte ein paar Projekte in der Hinterhand“. Unter anderem war die Zeit gekommen, die üppige Dia-Sammlung zu sichten und zu digitalisieren. Auch an die Aufarbeitung seines Fotoarchivs setzte er sich, „früher habe ich pro Event bis zu 2 000 Bilder gemacht, heute schieße ich weniger und gezielter“. Mit einer Künstlerin gründete der Hobbymusiker, der „leidlich“ Gitarre spielt, ein Jointventure. Ein Videodreh im Country-Stil mit befreundeten Musikern im Dieburger Schlossgarten fand durch die wieder virulenter werdende Lage seine jähe Unterbrechung.

Regionale Musikszene wegen Corona in Gefahr, Eventfotograf Karl Reiß sorgt sich um lokale Hobbymusiker

Gedanken macht sich Karl Reiß freilich vor allem um andere Künstler und gerade die regionale Kulturbranche. „Bei den Profis muss man im Einzelfall sehen, wie sie Corona verkraften. Bei den Hobbymusikern, die ja auch ihre Fixkosten etwa für Proberäume und Equipment haben, dürften vor allem dann einige aufhören, wenn im Hauptberuf die Arbeitslosigkeit droht.“ Für eine kulturell bunte Zukunft vom Klassik- bis zum Rockkonzert, vom Vereins-Open-Air bis zum Kneipen-Gig, wünscht sich Reiß nicht nur die wirtschaftliche Sicht: „Außer Geld müssen kreative Ideen her.“ Damit meint er etwa innovative Veranstaltungskonzepte, da auch 2021 kaum an 80 Konzertgäste im engen Dieburger „Krone Keller“, eine kontaktreiche „Musiknacht“ mit 1 000 Besucher in den Innenstadt-Lokalen oder hunderte Personen in Fest- und Partyzelten zu denken ist.

Freilich weiß er, dass der Mammon fast immer und überall eine Rolle spielt. Sogar das nichtkommerzielle Dieburger Hardcore-, Metal- und Punk-Festival „Traffic Jam“ braucht ein hohes fünfstelliges Budget, um das zweitägige jugendkulturelle Vergnügen auf dem Verkehrsübungsplatz der Fahrschule Völker zu erhalten. „Ich hoffe nicht, dass der neue Verein mit dem Traffic Jam noch einmal aussetzen muss“, sagt Reiß. „SchallMAGNET“ hatte erst 2019 sein organisatorisches Debüt gegeben und wollte dieses Jahr auf der auch finanziell gelungenen Premiere aufbauen.

Dieburg will regionale Musikszene und Kulturveranstaltungen unterstützen

Da findet Karl Reiß Signale wie kürzlich aus dem Dieburger Stadtparlament ermutigend: Die SPD hatte erfolgreich beantragt, dass die Stadt im Haushalt 2021 zumindest 5 000 Euro bereitstellt, um im Sommer den Marktplatz mit Musik und Kleinkunst zu bespielen. „Das halte ich für den Wiederaufbau des kulturellen Lebens und auch als Zeichen an die Gastronomie für wichtig.“ Zugleich erhofft sich der bei lokalen Veranstaltern gut vernetzte Eventfotograf eine großzügigere Einstellung von Verwaltung und Stadtgesellschaft gerade für Konzerte im Zentrum: „Vor Corona hat man leider viele Entscheidungen gegen Events getroffen“, findet er. „Nun wäre es besonders kontraproduktiv, wenn man verbietet, was man eigentlich fördern will.“(Von Jens Dörr)

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