„Dem Volk aufs Maul geschaut“

Babenhäuser Pfarrer-Kabarett zu Gast in Münster

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Abgelehnt: Dem ständige Streben nach „noch schneller, noch besser“ wird von Hans Greifenstein (vorne) und Clajo Herrmann ein klares „Dislike“ gegeben.

Münster - Das „Erste Babenhäuser Pfarrer(!)- Kabarett“ hat in Münster Halt gemacht. Dort begeisterten sie ihr Publikum mit ihren „Seichtgeheimnissen“. Von Peter Panknin 

Die beiden Protagonisten haben manches gemeinsam. Beide sind sie in Hessen geboren, beide haben sie Theologie studiert, beide waren als Pfarrer in Babenhausen ordiniert. Ihr gemeinsames Hobby, das Kabarett, hat sie zusammen auf die Bühne gebracht. Seit 1997 erfolgreich unterwegs in Hessen „und anderen Kontinenten“, wie man von ihnen sagt. In Münster waren sie schon öfter, nicht nur in der evangelischen Martinsgemeinde, auch beim Fußball waren sie schon zu Gast. Am Freitagabend war es wieder die Martinsgemeinde, die Hans Greifenstein und Clajo Herrmann, bekannt als „Erstes Allgemeines Babenhäuser Pfarrer(!)-Kabarett“, so der offizielle Name in Langschrift, nach Münster gebracht hat. Mit dabei hatten die beiden ihr neues Programm „Seichtgeheimnisse“.

Mehr als 300 Besucher waren neugierig darauf zu hören, was die Pfarrer so zu berichten hatten. Seicht waren nicht etwa Beichtinhalte, von denen sie erfahren hatten, seicht sind eher die heute mittels neuer Medien verbreiteten Erkenntnisse, die ungeprüft als solche übernommen und weiterverbreitet werden. Luther hatte beim Aufschreiben per Hand genügend Zeit über das, was er schrieb, auch nachzudenken. Verbreitet haben sich seine Thesen auch langsam, denn nicht jeder konnte lesen und die wenigsten Menschen hatten Bücher, in denen die Weisheiten gedruckt waren. Das geht heute alles viel schneller, aber es bleibt auch weniger Zeit zum Nachdenken, denn es wird immer mehr, was wir zu lesen bekommen. Immerhin, wir können noch lesen. Ob unsere Urenkel es auch können werden, ist nicht ganz gewiss. Requisiten brauchte es nicht auf der Bühne.

Nur Clajo Herrmann ließ sein Handy nicht los, blickte immer wieder darauf und informierte das Publikum darüber, wie viele „Follower“ er wieder verloren hatte. Hans Greifenstein schlüpfte zwischendurch mal in einen grauen Kittel, wie es „einem alten Sack gebührt, der nur noch aus dem Fenster schaut und falsch parkende Nachbarn anzeigt“. Er vergaß aber auch nicht, die Lebenserfahrung älterer Menschen zu erwähnen „ich hab´ die Eintracht vier Mal absteigen sehen.“ Die beiden vermitteln ihre Botschaften mal gemeinsam als Duo im Dialog, mal als Solisten im Monolog gegenüber dem Publikum. Sie bedienen sich dabei einer Sprechweise, dass man meint, sie hätten Luthers Ratschlag befolgt und „dem Volk aufs Maul geschaut“.

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Das bleibt natürlich nicht ohne Folgen, denn dem herzhaftem Lachen der Zuschauer folgt auch mal tiefe Stille, die zeigt, dass die Botschaft angekommen ist. Publikum und Protagonisten beflügeln sich gegenseitig, die Stimmung im Saal steigt – nicht bis in den Himmel, aber auf ungeahnte Höhen. Zitate aus der Werbung und die Reaktionen darauf zeigen das besonders deutlich: Für Apotheken wird mit dem Song „Whatever we do, we feel okay, we feel alright“ geworben; dazu Hans Greifenstein „aber wenn ich mich okay fühle, also wenn ich gut druff bin, gehe ich lieber in den Biergarten und nicht in die Apotheke. Da gehe ich nur hin, wenn es mir schlecht geht und ich Hilfe brauche.“ Riesiger Applaus und viel Gelächter bestätigten seine Auffassung. Übrigens ist es laut Greifenstein ein Grundrecht der Hessen, schlechte Laune haben zu dürfen. Wer mag schon jeden Tag zum glücklichsten Tag seines Lebens machen?

Zum Beweis der Richtigkeit seiner These gab er folgendes Beispiel: wenn der Montag der glücklichste Tag meines Lebens war, wie er abends feststellt, was kommt denn danach? – Richtig, Dienstag. Und es geht wieder von vorne los. Dem lauten Gelächter folgte die nachdenkliche Stille. Aber nicht lange, denn die beiden Kabarettisten brannten ein wahres Feuerwerk an satirischen Gags ab und rissen das begeisterte Publikum mit. Der abschließende Beifall forderte nicht nur die gewährte Zugabe, die Künstler gaben auch die Erklärung ab, sich beim Münsterer Publikum wohlzufühlen und versprachen, wiederzukommen.

Quelle: op-online.de

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