Bürgerversammlung in der Kulturhalle

Breite Front gegen Biogasanlage

+
Das Biogas soll im roten Kreis verheizt werden.

Münster - „Soll in Münster eine Biogasanlage gebaut werden?“ So war das Thema zur Bürgerversammlung überschrieben, zu der die Gemeinde ob des brisanten Inhaltes am Montagabend gleich den großen Saal der Kulturhalle hergerichtet hatte. Von Thomas Meier

Und die Masse der Besucher gab eine beredte Antwort auf die Eingangsfrage: Falscher Standort, Gestank, zuviel einhergehender Verkehr, Verlust von Wohnqualität, Wertminderung nahegelegener Immobilien (Inselviertel) und eklatante Beeinträchtigung direkt benachbarten Naturschutzgebietes waren immer wieder angeführte Gründe für eine Ablehnung solcher Anlage.

Blieben bei der vorausgegangenen Bürgerversammlung im Rathaus vor wenigen Monaten die Bürger mangels Interesse an Kläranlagentechnik noch zu Hause, so sollten nun die 298 aufgestellten Stühle in der Halle nicht ausreichen. Fast nochmal so viele Bürger harrten stehend am Saalrand aus. Und so konnte selbst Bürgermeister Walter Blank bei der Begrüßung nur staunen: „So viele waren es noch nie bei einer Bürgerversammlung.“ Er erläuterte, dass durch den Beschluss des Ausstiegs aus der Atomenergie die Fragen nach Alternativen vor Ort erörtert werden müssten. Nachhaltige Energien zu nutzen sei nötig, dem könne sich niemand verschließen. Doch bevor sich die Gremien mit dem Ansinnen der Firma LimnoTec beschäftigen sollen, wolle man in Münster erst einmal die Bürger nach ihrer Meinung zu einer Biogasanlage an der Landstraße zwischen Altheim und Münster befragen.

Kurze Fragen aus dem Publikum

Matthias Kiesling vom Nabu in Münster erntete als bestvorbereiteter Biogasanlagengegner den meisten Beifall.

Elke Müller, stellvertretende Vorsitzende der Gemeindevertretung, moderierte den Abend mit straffer Vorgabe. Nach kurzer Vorstellung des Projektes durch LimnoTec-Geschäftsführer Dr. Niels Holm und zwei Firmenreferenten sollten kurze Fragen aus dem Publikum kommen, anschließend Stellungnahmen pro und contra.

Wolfgang Chantre als Projektinitiator für LimnoTec brachte es gleich auf den Punkt: „Die bauleitplanerischen Voraussetzungen für eine Biogasanlage am anvisierten Ort liegen noch nicht vor.“ Sie zu schaffen bedürfe es einer Bauleitplanung.

Der Biogasanlage mit einer Leistung von 800 kW soll ein Blockheizkraftwerk mit einer Leistung von 200 kW an die Seite gestellt werden. Hinzu kommt die Verlegung einer Gasleitungstrasse über 1,5 Kilometer zu einem Satelliten-Blockheizkraftwerk mit einer elektrischen Leistung von 600 kW, das wiederum in unmittelbarer Nähe zu bestehenden Gemeindestandorten wie Feuerwehr, Gemeindehaus, Kindertagesstätte und Wohnsiedlungen aufgestellt wird. „Dieser Punkt ist noch nicht restlich geklärt“, sagte Chantre, eine Äußerung, die stereotyp später auch auf etliche weitere Nachfragen folgen sollte.

Interessiert nahm das Publikum Informationen zum anfallenden Verkehr für die Anlage auf der Grünen Wiese auf: 500 Fahrten an Ganzjahressilage bedeuteten 21 pro Tag in vier Wochen. 855 Fahrten für Sudangras und Mais fielen in vier Wochen im Herbst an (rund 37 Anlieferungen und Abfahrten pro Tag). Kommen hinzu 160 Fahrten pro Jahr an Schweinegülle, 120 per anno an Rindergülle und 60 für Pferdemist.

50 Tonnen Biomasse pro Tag

50 Tonnen Biomasse pro Tag seien laut Holm nötig, die Anlage wirtschaftlich zu fahren – ergeben rund 20 000 Tonnen pro Jahr an „Input“. An „Output“ seien dann 17 000 bis 18 000 Tonnen Flüssigdünger zu erwarten.

Dr. Niels Holm, Geschäftsführer der LimnoTec.

Geruchsimmissionen kämen nicht aus der Anlage („Ein paar Meter nebendran riechen sie gar nichts.“), sondern, wenn überhaupt, dann aus „dem Anlieferungsverkehr der Inputsubstrate“. Und einzig hierbei seien auch Lärmimmissionen zu erwarten. Betrieben werde die Anlage aus Ganzpflanzen, wobei auf Grünroggen 19 Prozent, Sudangras 19 und Mais 25,5 Prozent entfielen. Tierische Reststoffe seien 13,2 Prozent Rindergülle, 21 Prozent Gülle vom Schwein und sieben Prozent Pferdemist.

Nachfragen ergaben, dass für den Betrieb der rund 3,5 Millionen Euro teuren Biogasanlage rund 300 Hektar landwirtschaftlicher Fläche nötig seien, die im Umkreis von sechs Kilometern liegen sollten. Die Anlage selbst habe einen Flächenverbrauch von einem Hektar (10 000 Quadratmeter).

Die Infrastruktur, also Zufahrten zur Anlage, Leitungsverlegung und mehr, bezahle der Investor, der die von LimnoTec konzipierte Anlage einmal betreibe, versicherte Holm. Auf die Gemeindekasse komme nichts zu. Und die Frage, ob LimnoTec weitere Alternativstandorte geprüft habe, beantwortete der Geschäftsführer so: „Dies hier ist einer von ganz vielen Geprüften, der übrig blieb.“ Viel später, als weiter gebohrt wurde, nickten auch Bürgermeister Walter Blank und Planer, dieser Standort sei wohl der letztverbliebene.

Weit mehr Mais verarbeitet als zugegeben

Matthias Kiesling vom Nabu Münster stellte kritische Fragen, um gleichzeitig die erwarteten Antworten in Zweifel zu ziehen. So glaubt er den Planern nicht, genügend Reststoffe zur Verwertung der Anlage zu bekommen, wie dargestellt. Seine Befürchtung: Es werde dann doch weit mehr Mais verarbeitet als zugegeben. Fehlende Biomasse werde nicht umweltverträglich angebaut. Weitere Befürchtung: Grünland werde zu Ackerland umgewidmet, kleinräumige Landwirtschaft verschwinde, Pachtpreise für Landwirte würden steigen und mehr.

Lesen Sie dazu auch:

Anfrage nach Bau von Biogasanlage

Sein Hauptgrund gegen die Anlage war der Standort nahe der Hergershäuser Wiesen, und diese Ansicht sollten viele weitere Bürger vertreten. Eine andere Rechnung machte ein Bürger auf. 3,5 Millionen investiere jemand in die Biogasanlage. Das benachbarte Inselviertel hat 265 bebaute Parzellen. Bei einer Wertminderung wegen der Anlagennähe von nur zehn Prozent entstünde, einen Wert von nur 200 000 Euro pro Parzelle angesetzt, ein Schaden von weit mehr als 5 Millionen Euro.

Nach vielen Wortbeiträgen gegen die geplante Anlage sprachen sich nach über zweistündiger Diskussion sowohl Rainer Bulang für die SPD als auch Gerhard Bonifer-Dörr für ALMA gegen einen solchen Bau am Standort aus. Einzig Erna Roßkopf, CDU-Fraktionschefin, dankte dem Publikum für die zahlreichen Anregungen, die man mit in die interne Fraktionsberatung zum Thema nehmen werde. Festlegen wollte sie sich indes nicht lassen.

Energiewende in Hessen: Biogas und Windräder

Windräder und Solarparks statt Atom-Meilern und Kohlekraft - kaum ein Thema ist im Grundsatz so wenig umstritten wie die Energiewende. Doch einige Bürger gehen inzwischen auf die Barrikaden gegen Windkraft und Biogas.

Zum Video

Quelle: op-online.de

Kommentare