Chinacakes zu Gegrilltem

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Schau mal was die da so essen: Beim Grillfest zum Schulaustausch stießen auch die Esskulturen aufeinander.

Münster - Wie isst man ein gegrilltes Steak ohne Stäbchen? Man spieße es mit der Gabel im Ganzen auf und führe einen überhängenden Teil des Fleisches über den Kopf möglichst nahe an den Mund heran, lasse es langsam hinab und beiße dann herzhaft zu. Von Thomas Meier

So jedenfalls glaubten einige der 28 Gäste aus dem chinesischen Huangyan beim Grillfest der Schule auf der Aue, ausgerichtet ihnen zu Ehren am Donnerstag im Freizeitzentrum Altheim, „typisch deutsch“ zu speisen.

Mit dem Besuch von 25 Schülern und drei Lehrern einer High School aus der 570.000 Einwohner zählenden Metropole, die etwa fünf Autostunden von Shanghai entfernt in der Provinz Zhèjiang liegt, hat der zweite Schüleraustausch der Münsterer Kooperativen Gesamtschule mit einer Schule aus dem Reich der Mitte seinen Anfang genommen. Zehn Tage sind die Asiaten zu Gast bei Schülern und Eltern der Jahrgangsklassen 8 und 9, ein Gegenbesuch von Münsterer Schülern und Lehrern in China ist für Oktober geplant.

Am Dienstagabend kamen die Gäste in Münster an. Zuvor besichtigten die Zehntklässler bereits Luxemburg, Paris und Amsterdam. Ihr Trip führt sie einige Wochen durch Europa, und während ihres Aufenthalts bei den Austauschschülern an der Gersprenz werden auch Abstecher an den Rhein, zur Ronneburg und nach Heidelberg unternommen.

Chinesische „Middle-Upperclass“

Die Jugendlichen seien der „chinesischen Middle-Upperclass“ zuzurechnen, weiß Ingrid Arnold-Berndt, Leiterin des Fachbereichs Englisch an der Aue-Schule. Sie war bereits beim vergangenen Gegenbesuch Münsters mit in Huangyan und schwärmt von der Ausstattung der High School dort, die sich zwar staatlich nenne, aber auch kräftig Schulgeld kassiere. Einen Zehntklässler dort in Klassen mit 50 bis 55 Schülern fürs Leben lernen zu lassen, koste die Eltern schon mal 1500 Euro pro Semester.

Doch dafür gibt es Ausstattung satt: bestens ausgerichtete Fachräume in den Naturwissenschaften mit angeschlossenem Naturkundemuseum, hervorragend gestaltete Musik- und Kunsträume, sogar ein TV-Studio gehört zum schulischen Equipment. Acht Tage lang staunten vergangenes Jahr Münsterer Schüler und Lehrer über diesen Luxus, doch wurden sie auch konfrontiert mit Großklassen und dem darin gehaltenen Frontalunterricht. Aufs Individuum kann dort kein Lehrer eingehen, wer in der belehrten Menge nicht mithalten kann, geht unter.

Und Pädagogin Arnold-Berndt weiß: „Das ist ein wichtiger Grund, warum chinesische Eltern ihrem Nachwuchs auch gern solch einen Austausch angedeihen lassen möchten. Ihre Kinder sollen Offenheit lernen, sollen sich auch mal kreativ entfalten dürfen.“ Im Kunstunterricht in ihren Super-Räumlichkeiten beispielsweise lernten die Chinesen zwar perfekt alte europäische Meister zu kopieren. Doch die eigene schöpferische Kraft zu entdecken, werde so gut wie nicht vermittelt, sagt die Englisch-Lehrerin, die trotz allem begeistert ist vom Schulaustausch.

Wunderbare Art, Menschen kennen zu lernen

Michelle Longen erklärt ihrer Austauschschülerin Ying Zhang die angerichteten Speisen, darunter typisch deutscher Kartoffelsalat.

So auch Schulleiterin Sabine Behling-Schmidt. Die Direktorin der Aue-Schule mit ihren 1 080 Schülern in 45 Klassen und 90 Lehrern sagt: „Dies ist eine wunderbare Art, Menschen kennen zu lernen.“ Und die wird in der Aue-Schule auch schon lange vor den China-Kontakten gepflegt. So besteht Austausch mit Schulen in Polen, der französisch sprechenden Schweiz, den USA und England. China kam auf Vermittlung durch die Deutsch-Chinesische Gesellschaft hinzu. Und weil vor eineinhalb Jahren auch eine Initiative der Landesregierung Unterstützung für solche Beziehungen zusagte, gab die Schulleitung dem Austausch gern ihr Plazet. „So günstig kommen unsere Schüler nicht wieder in die Volksrepublik“, sagt die Direktorin. Für günstige Flüge sorge die deutsch-chinesische Gesellschaft und die Unterbringung in Gastfamilien sei nach wie vor unschlagbar, vor allem was das Kennenlernen fremder Kulturen angehe.

Und so konnten sich beim Grillfest jetzt vor allem die Gäste aus Fernost mit den Esskulturen ihres Gastlandes vertraut machen. Die Nahrungsaufnahme von jugendlichen Nachkommen aus Dschingis Khans Volk und Germanen unterscheiden sich doch auch über den Tellerrand hinaus. Nicht nur, was das Essbesteck angeht. Allein vor der Beschreibung von „Weißwurscht und Kraut“ kann einem Asiaten sicher schon grauen, umgedreht ist Schlange zum Frühstück nicht jedem Münsterer Magen bekömmlich. Doch beim Grillfest - von den Gästen übrigens im Vorfeld gewünscht - kam man sich auch kulinarisch schnell näher.

Vielleicht mit Ausnahme des einen 16-jährigen Gastes, der mit einem ganzen Koffer voller Mooncakes anreiste. Und von den kleinen Küchlein aus Blätterteig, gefüllt mit Eidotter und Fleisch oder Bohnen, Sesam und Ananas, brachte er sich zum Altheimer Barbecue einfach etwas mit...

Quelle: op-online.de

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