Alberto Ermel baut sich seine exklusiven Spielsachen selbst

Dampfbetriebene Kindheitsträume

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Ein Jahr hat Alberto Ermel am Nachbau im Maßstab 1:11 von der Schweizer Werkbahn mit Namen „’s Vreneli“ im Keller gefeilt, gelötet und poliert, bis die 30 Kilogramm schwere Dampflok richtig fauchte.

Münster - Alberto Ermel lässt dem Kind im Manne nicht nur zur Weihnachtszeit freien Lauf: Der Liebhaber von Dampfmaschinen frönt seinem Hobby seit seinem Ruhestand vor zwei Jahren tagtäglich. Von Thomas Meier

Beim Anblick der von ihm maßstabs- und originalgetreu nachgebauten Dampflokomotiven oder gar Traktoren werden nicht nur Kinderaugen größer. Seit zehn Jahren frönt Alberto Ermel einem Hobby, das weit mehr ist als die Verwirklichung nur eines Kindertraumes. Der Münsterer ist Werkzeugmacher, lernte vor 50 Jahren sein Handwerk in Darmstadt bei der Firma Messgerätebauer und kann noch lange nicht vom Werken mit Stahl, Drehbank und Lötlampe lassen.

Schon frühzeitig bereitete er sich auf den Unruhezustand vor, baute in seiner Freizeit erst kleine, dann immer größere Dampfmaschinen. Er, der nie eine Märklin-Eisenbahn sein eigen nannte, kam spät auf seine fauchende Passion. Und irgendwann einmal sollten die Kolben-Wärmekraftmaschinen mehr können, als einfach nur in einem Modell aus Wasserdampf Kolben und Getriebe sichtbar in Bewegung zu bringen. Ermel wollte sie auch sinnvoll „wie die großen, echten“ einsetzen. So wurden seine neuen Werkstücke alsbald mobil.

Mit Spur 1 fing der Überzeugungsbastler bei seinen Dampflokomotiven an. Doch vom 45 Millimeter breiten Gleis wechselte er bald schon auf größere Dimensionen. Seit er sich dem Eisenbahnclub Rossdorf angeschlossen hat, fährt der 67-Jährige voll auf Fünfzollanlagen ab.

Vor ein paar Jahren besorgte sich der Tüftler einen Bauplan der Schweizer Werkslok mit dem wohlklingenden alpenländischen Namen „’s Vreneli“. 30 komplizierte technische Zeichnungen, die dem Originalbauplan im Maßstab 1:11 nachempfunden waren, setzte der Werkstoffkundige um in eine Miniaturbahn. Für sie verzog er sich ein Jahr lang jeden Tag etliche Stunden in die hauseigene Werkstatt im Keller in der Gerhart-Hauptmann-Straße. Dort wurde gefeilt und gelötet, über dem Planwerk geschwitzt, bis die ersten Dampfwölkchen mit noch zartem Tufftuff aus dem Schornstein über dem Kessel entwich. Ein Klang wie aus Engelsposaunen für den Erbauer. Einzig den Kessel ließ er bei der Münsterer Firma Haus, Auf der Beune, schweißen, denn der soll den Druck von zwölf Bar aushalten, auch wenn „’s Vreneli“ nur mit halb so viel Dampf im Kesselraum abtuckert.

Doch bis die Zugmaschine, die immerhin stolze 30 Kilogramm auf die Waage bringt, so erstrahlte, wie sie heute nicht nur Kinderaugen leuchten lässt, sollten noch einige Arbeiten und viele Polituren erfolgen.

Diffizile Pendelachsen, eine Antriebsachse mit einer angeflanschten Speisewasserpumpe, die von einem gehärteten Exzenter verschleißfrei angetrieben wird, spezielle Dichtungsringe, Kuppelstangen mit Sinterbroncebüchsen und noch viel mehr dampftechnischer Mechanik wurde nicht nur verbaut, sondern zum allergrößten Teil auch eigens angefertigt. „Selbst einige Schrauben musste ich mir selbst drehen“, sagt Ermel, dessen Augen allein mit der Erinnerung an die Kellerstunden glühen wie die kleinen Kohlestückchen, die heute „’s Vreneli“ antreiben.

Der Siedekessel – made bei Ermel, die Wassereinfülltrichter, geformt von Alberto, dem Lokführer, die Rauchkammer, verschraubt vom Münsterer Mechanikus.

Das Schmuckstück rattert seit kurzem seine Runden auf rund 50 Meter der insgesamt über 450 Meter großen Fünfzoll-Gleisanlage des Rossdorfer Clubs, in den sich Ermel mit seinen Kenntnissen gern einbringt. Und weil er sich auch mit seinem Nachbarn in Münster gut versteht, darf er auf dessen Wiese die blanken Parallelstränge verlegen.

Im Hobbykeller in der Gerhart-Hauptmann-Straße entstanden schon die urigsten Dampfmaschinen und auch kleine Lokomotiven.

Nur auf eines muss er stets achten: dass nur keine Kinder in ihrer ersten Begeisterung zu nahe an die rauchende und fauchende Lok kommen. Denn ganz so harmlos wie die Emma aus der Augsburger Puppenkiste ist „’s Vreneli“ nicht. Sie wird richtig heiß, stößt Dampf siedenden Wassers aus dem Kessel und spuckt auch manchmal kleine Kohlestückchen aus dem Brenner. „Ich hab selbst überall Blessuren und Verbrennungen“, lacht Ermel: „No Risk, no fun.“ Doch freilich weiß er um die Gefahren: „In Roßdorf auf unserem Vereinsgelände stehen überall Warn- und Sicherheitsschilder.“

Er spielt übrigens hinter seiner Zugmaschine auf einem ebenfalls selbstgebauten Waggon den Jim Knopf und gibt den Lokführer, Heizer und Kondukteur in Personalunion. Wieviel PS die schweizer Nachbildung leistet, hat Ermel noch nicht ausgerechnet. Für ihn zählen andere Maßeinheiten: „Mich auf dem Hänger zieht die Lok locker, und auch mein Nachbar und noch ein Freund saßen hintan. Am schönsten aber ist es, wenn Vreneli meine elfjährige Enkelin Emely im Schlepptau hat.“

Im vergangenen Jahr dachte der Bastler noch eine gewaltige Nummer größer, wollte sich nicht mehr auf fünf Zoll herablassen. Er baute sich einen mit Dampf angetriebenen Traktor. Ohne spezielles Vorbild, halt einen, wie er in etwa vor über 100 Jahren in Natura auch aussah. Nur eben um den Faktor zehn kleiner. Und auch den fuhr er in seiner Straße zur Probe aus.

Alberto Ermel hat so ein bisschen was von Dr. Emmett L. „Doc“ Brown an sich, dem zeitreisenden Professor aus „Zurück in die Zukunft“. Nicht dessen Frisur, aber die Visionen. Und so machte sich der Münsterer auch daran, seine Version eines Hoverboards zu basteln. Es schwebt zwar nicht, das Skatebord à la Ermel, dafür dampft aber auch dieses über ein Meter lange Vehikel. Zwei Räder einer Mülltonne und eines von einem ausrangierten Schubkarren, darauf gesetzt ein Dampfmotor Marke Eigenbau, und schon geht’s ab, das Boden-Dampfboard.

Wer sich übers Jahr selbst so reich mit Selbstgebasteltem beschenkt, was wünscht der sich denn vom Christkind? Jedenfalls nichts Materielles, lacht der Bastler unter den Augen des Weihnachtsmannes. Mit seiner Frau reisen, am liebsten in die Alpen mit dem Traumauto, das er sich vor zwei Jahren zum Ruhestand gönnte. Einen echten Jeep Defender, ein Benziner, der in den Bergen aber auch gut abdampft...

Quelle: op-online.de

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