Was Daum so alles interessiert...

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Lutz Wagner, der bis 2010 in der Ersten Bundesliga 197 Spiele pfiff, referierte beim SV Münster. Anlass war die monatliche Sitzung der Kreisschiedsrichtervereinigung Dieburg.

Münster - Was Lutz Wagner im Vereinsheim des SV Münster bot, war großes Erlebnis – auch wenn es „nur“ um Fußball ging. Denn Wagner versteht es wie kaum ein Zweiter im deutschen Fußball, Zuhörer mehr als eine Stunde lang zu fesseln und dabei sogar ohne Mikro auszukommen. Von Jens Dörr

Wer in den vergangenen 16 Jahren irgendwann mal oder sogar regelmäßig die „Sportschau“ guckte, dem dürfte Wagner ein Begriff oder sogar gut bekannt sein: Der Fertigungsleiter aus Kriftel im Taunus war seit 1994 bis 2010 als Schiedsrichter in der Ersten Fußball-Bundesliga im Einsatz. Auf 197 Einsätze im Oberhaus kam Wagner, zudem auf 74 in Liga zwei. Mehrere Jahre lang war er der einzige hessische Erstliga-Unparteiische.

Am Freitag waren 120 „Männer in Schwarz“ – in Zivil und mehr und mehr auch auf dem Platz allerdings meist bunt angezogen – ganz Ohr, als Wagner am Mäusberg vorbeischaute. Die Kreisschiedsrichtervereinigung Dieburg, die aus fast 200 Schiedsrichtern besteht, hatte den sympathischen 47-Jährigen für ihre monatliche Pflichtsitzung gewonnen. Alle ein bis zwei Jahre gelingt ihr das, obwohl Wagner gefragter Referent ist. Aktuell hat der ehemalige Lehrwart des Hessischen Fußball-Verbands die Funktion des Koordinators für Regel-auslegung und Basisarbeit in der Schiedsrichter-Kommission des Deutschen Fußball-Bundes inne. Weniger sperrig als dieser Titel war aber, was Wagner den Kameraden zu sagen hatte.

Einschätzungen zu aktuellen Schiedsrichterleistungen

Die hörten nicht nur bei seinem Vortrag über Sinn und Zweck der Videoschulung genauestens zu, sondern auch bei den Einschätzungen des ehemaligen Spielleiters zu aktuellen Schiedsrichterleistungen. Die stehen im Profifußball zwar jederzeit im Mittelpunkt der Medien- und Stammtischdiskussionen, derart aggressiv wie in jüngster Zeit in der Bundesliga waren sie aber selten. „Die Schiedsrichter pfeifen in dieser Saison nicht schlechter als sonst“, meinte Wagner. „Die Nervosität der Verantwortlichen hat damit zu tun, dass wir es mit einer unüblichen Saison zu tun haben. Denn wer hätte erwartet, dass die Bayern nicht um den Titel mitspielen, Hannover vorne und Wolfsburg hinten steht?“, fragte er rhetorisch.

Infolgedessen lägen die Nerven vielerorts blank – „und die Schiris leiden darunter“, so Wagner. Man gehe mit den eigenen Spitzenleuten durchaus „hart ins Gericht“, beeilte er sich zu betonen; das werde man aber nicht in der Presse tun. Zustimmung im Auditorium erntete Wagners Einschätzung zur Leistung des deutschen Top-Unparteiischen Wolfgang Stark beim Halbfinal-Hinspiel der Champions League zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona (0:2): „Ich war sehr zufrieden mit seiner Leistung.“ Zu Recht habe Stark vom Fachblatt „Kicker“ dann auch die Note eins für seine Leistung im von Madrid äußerst hart und unsportlich geführten Spiel erhalten. Vom in seiner eigenen Welt lebenden Real-Coach José Mourinho hatte Stark harsche Kritik geerntet.

Eintracht-Coach Daum auf die Tribüne verwiesen

Die Ohren spitzten die Spielleiter aus dem Fußballkreis Dieburg, der neben dem politischen Ostkreis Darmstadt-Dieburg auch Rödermark umfasst, ein weiteres Mal, als Lutz Wagner vom jüngsten Spiel der Frankfurter Eintracht gegen den FC Bayern berichtete: Bei dieser Partie war der Krifteler als Schiedsrichter-Coach im Einsatz und in engem Kontakt mit dem Gespann. Das hatte Eintracht-Coach Christoph Daum in der Nachspielzeit auf die Tribüne verwiesen, worüber sich Daum im Nachgang echauffierte. Der „Mann mit dem absolut reinen Gewissen“ habe sich lediglich nach der Nachspielzeit erkundigte. „Daum hat sich beim Vierten Offiziellen keineswegs nur nach der Nachspielzeit erkundigt“, korrigierte Wagner. „Da hat ein ganz anderer Dialog stattgefunden.“ Den Inhalt dürfe er derzeit nicht wiedergeben – schließlich läuft aufgrund des Vorfalls ein Verfahren gegen Daum, der sich deswegen vor dem Sportgericht verantworten muss.

Quelle: op-online.de

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