Jugendhaft für Schwangere

Harte Strafe für dreiste Missetat an einer Greisin

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Münster/Dieburg - Wenn Angeklagte mit Handschellen in den Gerichtssaal geführt werden, gehört das bei Untersuchungshäftlingen zum Standardprogramm. Von Silke Gelhausen-Schüssler 

Wird im Amtsgericht ein Ganove zusätzlich mit Fußschellen vorgeführt und ihn vier Polizeibeamte im Auge haben, so ist das ungewöhnlich und exorbitanter Fluchtgefahr geschuldet. Dieses Bild bot sich gestern im Saal 116 vor dem Jugendschöffengericht in Dieburg. Auf der Anklagebank: ein rumänisches Pärchen. Sie: 19 Jahre jung und im sechsten Monat schwanger - der Gefesselte: 28 Jahre alt, Vater des Ungeborenen.

So ungewöhnlich wie diese Täter-Konstellation ist auch der Tathergang des gemeinschaftlichen Diebstahls in einem Münsterer Zweifamilienhaus, den beide am 13. März begingen. Richter Thomas Roth verurteilt Ramona Ö. zu sechs Monaten Jugendstrafe, Eduard D. zu 16 Monaten Gefängnis, er trägt die Kosten des Verfahrens. Beide bleiben bis zum Urteilsvollzug in Haft, die Frage einer Bewährung stellt sich für den Richter gar nicht erst, denn „es ist ihre ausschließliche Tätigkeit, mit der Familie durchs Land zu reisen, im Auto zu schlafen und Straftaten zu begehen. Warum sollte sich das jetzt ändern?“, so Roth. Das für die beiden - in Deutschland nicht Vorbestraften - relativ harte Urteil begründet der Richter in ihrer „unglaublich dreisten Unverschämtheit“, mit der sie eine 94-jährige Dame in der Goethestraße beklauten.

Pärchen durchsucht seelenruhig Schränke

Laut derer und anderer Zeugenaussagen hat sich dort Folgendes abgespielt: Wie jeden Tag bringt Seniorin L. ihre Abfalltüte durch die Terrassentür in den kleinen Garten, wo die Mülltonnen stehen. An diesem Tag bleibt sie dabei nicht alleine. Ein junges Pärchen geht mit einem Kleinkind seelenruhig an ihr vorbei ins Wohnzimmer, wo sie beginnen, Schränke und Schubladen zu durchsuchen.

L. geht hinterher und stellt die Unbekannten zur Rede: „Was machen Sie hier?“ Daraufhin wird ihr ein Zettel mit dem Text: „Wir brauchen Hilfe, keine Arbeit, keine Wohnung!“ gezeigt. D. setzt sich mit dem Kind in die Küche, bittet L. um Tee - ein Ablenkungsmanöver. Die alte Dame glaubt, in D. einen Bekannten von früher wiederzuerkennen und kommt seinen Wünschen nach, während Ö. weiter die Wohnung durchforstet. Im Schlafzimmer wird sie fündig: In einem Kästchen liegt der Ehering des verstorbenen Gatten.

Schwiegertochter steht vor verschlossener Wohnung

Die ganze Aktion zieht sich fast eine Stunde hin, bis L. misstrauischer wird und über das Funkgerät die in der oberen Etage wohnende Schwiegertochter anruft. Die steht zunächst vor einer verschlossener Wohnung: Ö. hat beide Türen nach draußen abgeschlossen, erst nach längerem Klopfen öffnet sie. L. erklärt der Schwiegertochter, was passiert ist, die fordert das Pärchen umgehend zum Rückzug auf. Als die der Forderung nicht nachkommen, ruft sie ihren Schwager zur Hilfe, bei dessen Eintreten die beiden endlich verschwinden. Als die Seniorin nach einer Kontrolle der Wohnung entdeckt, dass der Ehering fehlt, ruft die Familie die Polizei, die die Täter kurz darauf an einer anderen Haustür festsetzt.

D. macht auf unschuldig - L. habe alle herein gebeten und dann die Teebeutel nicht gefunden, deshalb die Suchaktion. Sie seien zum Betteln unterwegs gewesen. Nach mehreren Appellen von Staatsanwältin Katia Schick zeigt sich zumindest Ö. geständig: Sie gibt alles zu, entlastet aber den Vater ihres Kindes und behauptet: „Den Ehering habe ich wieder zurück gelegt, weil die Frau neben mir stand.“

Familie stiftet Unruhe im Saal

Selbst das großzügige Angebot von Verteidiger Eckart Sauer an die zwei Dutzend im Saal anwesenden, Unruhe stiftenden Familienmitglieder wirkte nicht: Er lockte bei Rückgabe des wertvollen Erinnerungsstücks mit der Aussicht auf eine Bewährungsstrafe. Doch die wurde vertan. Auf beide Verurteilte wartet im September bereits das nächste Verfahren am Amtsgericht Traunstein - sie sollen einer weiteren alten Dame den Ehering gewaltsam vom Finger gezogen und sie dabei verletzt haben.

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Quelle: op-online.de

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