Kaum Anreize für „4. Revolution“

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Jens Christoph Pieper erklärte, was Münster in Sachen regenerativer Energie in Zukunft alles tun kann.

Münster - „Ohne Energie geht nichts“ – Dieser Satz ist Weisheit und Dilemma zugleich, vor allem, wenn man auf die existenzielle Abhängigkeit der Industrienationen vom Öl schaut. Von Michael Just

Mit Blick auf die Instabilität vieler ölfördernden Länder und dem Diktat der großen Ölunternehmen war es für den Sozialdemokraten und Träger des Alternativen Nobelpreises, Hermann Scheer, stets ein Anliegen, Energie zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen. Sein übergeordnetes Ziel war – noch vor den ökologischen Aspekten und der CO2-Reduktion – die Energieunabhängigkeit.

Die Lebensaufgabe Scheers, der 2010 starb, hat der Filmemacher Carl-A. Fechner unter dem Titel „Die 4. Revolution“ noch vor dessen Tod als erfolgreiche Kino-Dokumentation verfilmt. Jetzt zeigte die Münsterer SPD das Werk in der Gersprenzhalle und lud anschließend zur Diskussion. Die Resonanz blieb aber – wohl aufgrund des langen Ausflugswochenendes – hinter den Erwartungen zurück.

Der Film zeigt Möglichkeiten auf, beispielsweise, dass mit regenerativen Energien selbst Weltstädte wie Los Angeles versorgt werden könnten. So sei es wohl der Gedankenlosigkeit vieler Architekten zuzuschreiben, dort für die Hochhäuser Glasfassaden anstatt für geringe Mehrkosten Photovoltaik einzusetzen. Laut Scheer ist die wichtigste Voraussetzung für einen Energiewandel, dass das ganze Land die Veränderungen tragen muss. Die fangen im Privaten mit Solar-Carports für Elektroautos, energetischer Sanierung der Häuser, stromsparenden Geräten oder lediglich dem richtigen Lüften an. Ein großes Problem seien jedoch die politischen und wirtschaftlichen Widerstände durch Verflechtungen und Lobbyismus. So habe es schon in den 70er Jahren in den USA Windparks gegeben, gegen die sich die Energiekonzerne erfolgreich stemmten.

Moralische Appelle an Bürgerreichen nicht

Bei der anschließenden Diskussion, bei der Jens Christoph Pieper – ein langjähriger Mitarbeiter Scheers –Rede und Antwort stand, ging es vor allem um die Frage, was Münster tun kann. „Erneuerbare Energien sind immer dezentral, weil die Sonne überall scheint“, sagte Pieper. So sei jedes private oder im Besitz der Kommune befindliche Dach für Solarstrom geeignet. Selbst Norddächer könnten einer Speicherfunktion gerecht werden. An die Kreisverwaltung und Abfallwirtschaft ging die Aufforderung, dass es für die Umwandlung der Biotonne in Kompost eine bessere Lösung gibt: Biogas. Zudem sollte man alte Deponien nicht zuschütten, sondern ebenfalls als Gasquelle nutzen. Der Main-Taunus-Kreis gehe hier mit bestem Beispiel voran.

Die Runde war sich einig, dass moralische Appelle bei den Bürgern nicht ausreichen, um sie auch zu aktivieren. Ohne finanzielle Anreize gehe es nicht. Laut einem Besucher sei dies aber eine Crux bei den derzeit chronisch leeren öffentlichen Kassen. Eine Absage erteilte Pieper jenem Vorurteil, dass sich regenerative Energien nicht rechneten: „Die Frage ist, für wen rechnen sie sich nicht?“, antwortete er mit Blick auf die etablierte Energiewirtschaft. So gebe es im Privatbereich bei der Altbausanierung Finanzierungsprogramme von den Wohnungsbaugenossenschaften. Dazu spreche man von einer einmaligen Investition: „Danach existieren nur noch Fixkosten, die wie bei Öl oder Gas nicht weiter steigen können.“

An den Münsterer Gemeindevorstand ging die Aufforderung, sich Informationen über eine energieautarke Gemeinde zu holen. Das Fazit des Abends lautete, dass jeder – ob Kommune oder Privatperson – etwas zur Energiewende beitragen kann. „Ich sehe immer noch viel zu wenig Bewegung in der Sache“, beklagte ein Bürger. Obwohl der Energieausstieg bereits beschlossene Sache sei und es sich hier um eine der wichtigsten Zukunftsfragen drehe, warte die Politik mit viel zu wenig Ansätzen und Akzenten auf.

Quelle: op-online.de

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