Firewall rund ums Paradies

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Einladung zur Achterbahnfahrt des Zwerchfells gefällig? Das Duo Camillo begeisterte in der Martinskirche.

Münster - Sie sind zynisch, frivol, ironisch und (teilweise) Pfarrer. Zumindest die eine Hälfte vom Duo Camillo, denn Fabian Vogt ist auch als Geistlicher auf der Kanzel zu erleben. Von Ursula Friedrich

Sein kabarettistisches Pendant, Martin Schultheiß, könnte man als promovierten Physiker eher in der Welt von Quarks, Ionen und Quantentheorien vermuten. Doch nein, mitnichten. Auf der Bühne enthüllen sie ihr wahres Gesicht als pfiffiges Kabarettistenduo, mit pfundigem musikalischen Repertoire. In der voll besetzten evangelischen Martinskirche gossen die Camillos nun kübelweise schnoddrigen und tiefsinnigen verbalen und vokalen Schabernack über ihre Gäste.

Eine Achterbahnfahrt fürs Zwerchfell, die durch bissige Ausflüge von Bundespräsident Christian Wulff übers Dixiklo, der Klimakatastrophe bis hin zu gedünsteten Schlümpfen so leicht nicht zur Ruhe kam.

Musikalisch intonierten die Verbalkünstler, unterstützt von Piano und Gitarre, Plädoyers für Kohlenmonoxidwolken, Männeremanzipation und solche gegen die „Ehrenamtsdemenz“. Sogar ein wenig Lokalkolorit hauchten die Improvisationskünstler ihren satirischen Beiträgen ein, innerhalb derer das benachbarte Eppertshausen in Mitleidenschaft gezogen wurde.

„All you can eat“ beim Abendmahl

Bereits zum zweiten Mal gastierte das Duo, das auf 22 Jahre gemeinsame Bühnenerfahrung baut, nun in Münster – ein Segen für jede Frohnatur, die sich einen Abend lang vom schwarz-humorvollen Charme einlullen ließ.

Um auch das Pfarrerehepaar Sahm nicht ohne wertvolle Tipps zurückzulassen, gab es eine ganze Rezeptreihe, wie die Kirchenbänke zu füllen seien. „Ein Premiensystem einführen!“, riet Fabian Vogt allen Geistlichen: „Wer zwei neue Kirchenmitglieder wirbt, darf austreten.“ Im Selbstversuch hatte der Protestant „all you can eat“ beim Abendmahl mit seiner Gemeinde eingeführt. 82 Oblaten und über 40 Kelche Messwein hatte dabei eines seiner „Schäfchen“ verputzt.

Die besondere Herausforderung, junge Menschen für den Kirchgang zu begeistern, könnte mit einer adäquaten Bibelübersetzung analog zum technisierten Zeitalter gelingen. Ergo: Der Sündenfall im Paradies war ein Systemausfall, das Paradies seither mit Firewall abgeschirmt, Jesus ist ein Download Gottes, sein Jünger Petrus Netzwerker. Und der Schöpfer selbst, ganz klar: Systemadministrator...

Quelle: op-online.de

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