Mehr als 1000 begeisterte Zuschauer

AGV-Chor FLAME: Eine sagenhafte Revue

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Opulentes Bild: die Gasthaus-Szene aus „Les Misérables“, in der plötzlich der Aufstand des darbenden Volks gegen die Obrigkeit verkündet wird.

Münster - Mit Szenen aus den fünf Musicals „Les Misérables“, „Elisabeth“, „Grease“, „Tanz der Vampire“ und „Ich war noch niemals in New York“ füllte der FLAME-Chor des AGV Münster an zwei Abenden die Kulturhalle. Von Jens Dörr 

Vor zwei Jahren gründete sich innerhalb des AGV „Eintracht“ Münster der gemischte Chor FLAME. Das Akronym der Gruppe mit Sängern zwischen 15 und 71 steht für die Begriffe Feuer, Liebe, Ausdruck, Musik und Erlebnis und wurde am Freitag- und Samstagabend in Münsters Kulturhalle auf einem Niveau in die Tat umgesetzt, wie man es von nicht-professionellen Chören selten erlebt. Ihr Motto „Wir lieben Musicals“ füllten die 39 Frauen und elf Männer unter der musikalischen Leitung von Oliver Zahn, der über sein Netzwerk zugleich das Begleitorchester zusammengestellt hatte und dirigierte, herausragend mit Leben. Die Revue mit dem Titel „Let’s Musical“ endete bei der ausverkauften Premiere am Freitagabend vor 520 Zuschauern nach zweieinhalb Stunden netto mit Standing Ovations.

Die Begeisterungsstürme des Publikums – am Samstag passte bei erneut 520 Zuschauern erneut kein Mäuschen mehr in die schwüle Kulturhallen-Luft – hatten sich der Chor und seine Solisten, die Instrumentalisten im Orchester-„Graben“ vor der Bühne und Dirigent Zahn für einen überwältigenden Abend redlich verdient. Der Applaus durfte dabei nicht nur der sängerischen, tänzerischen und schauspielerischen Leistung im aufwendigen Scheinwerferlicht gelten. Vielmehr musste er seine Anerkennung für all das ausdrücken, was der Chor in den 14 Monaten seit Casting und offiziellem Projektstart auch neben den unzähligen künstlerischen Proben auf die Beine gestellt hatte.

Mit Szene und Stücken aus „Grease“ nahmen FLAME die 1950er mit ins Programm.

Dazu zählte unter anderem die kreative Zusammenführung der fünf ausgewählten Musicals „Les Misérables“, „Elisabeth“, „Grease“, „Tanz der Vampire“ und „Ich war noch niemals in New York“ über einen roten Faden. Der bot so manche Überraschung und Querverbindung. Am Ende des „Elisabeth“-Parts etwa tauchte ein Vampir auf, der Sissi per Biss zu einer der Seinen machte. Zum Schluss der Revue und im Rahmen des Parts zum Udo-Jürgens-Musical traten einige überraschenden und merkwürdigen alte Bekannte des Abends als Kandidaten einer TV-Show auf. Wobei an dieser Stelle nicht jedes Detail verraten werden muss; schließlich wird FLAME zwei von vier Vorstellungen – am 4. und 5. Mai in der Bachgauhalle Großostheim – erst noch geben.

Abseits der Bretter, die die Welt bedeuten, hatten sich innerhalb des vergangenen Jahres seitens der Chormitglieder auch Teams für Choreografie und Maske, Technik und Backstage-Bereich, Kulisse und Requisite, PR und Gastronomie sowie die Kostüme gebildet (siehe Infokasten). Am Abend selbst mussten die Darsteller in bis zu sieben teils völlig unterschiedliche Outfits schlüpfen. Und dabei pünktlich zum nächsten Stück wieder dergestalt vor dem Publikum stehen, als sei alles gar kein Stress.

Den ließen sich die Darsteller nie anmerken, versprühten stattdessen: Ja, wir lieben wirklich Musicals! Am Gründungsmotto des Chors kann wahrlich kein Augen- und Ohrenzeuge mehr zweifeln. Es entpuppt sich definitiv nicht als bloß irgendein markiger Spruch der 50 Mitglieder, die sich auf 22-mal Sopran, 15-mal Alt, sechsmal Tenor und siebenmal Bass aufteilen.

Mit Akribie hatten sie alle auf das hingearbeitet, was am Wochenende perfekt in Chor- wie Soloparts mündete, in eine lebendige und eindringliche schauspielerische und tänzerische Darstellung – und auch noch eine tolle Harmonie mit dem angenehm zurückhaltend und nicht über Gebühr auftrumpfenden Orchester bot. Die Rädchen griffen optimal ineinander – ob bei der opulenten Gasthaus-Szene im Paris Anfang des 19. Jahrhunderts („Les Misérables“), in der Teenie-Lovestory im Amerika der 1950er („Grease“) oder mitten in Transsilvanien auf der Suche nach Vampiren im Tanz der ebensolchen.

„MusicalFactory 64853“ begeistert in Münster: Bilder

Die Leidenschaft für die Musik und speziell die Musicals, deren Stücke eben nicht „nur“ gesungen, sondern auch regelrecht aufgeführt werden wollen, ließ sich am besten natürlich in der Kulturhalle selbst erspüren. Ein paar Daten sind da als Ergänzung fast schon „Trockenfutter“, aber dennoch imposant: Für „Let’s Musical“ richteten FLAME mit externer Unterstützung mehr als 130 Scheinwerfer und 60 Mikrofone ein, installierten mehrere Nebel- und Dunstmaschinen. Das Bühnenbild erforderte 40 Meter Vorhangschienen, um den diversen Szenerien gerecht zu werden. Die Requisiteure des Chors bewiesen beispielsweise beim Bau von Vampirsärgen Kreativität und handwerkliches Geschick. Exemplarisch für die vielen Outfits stehen etwa 50 Bauernkostüme, 30 Petticoats oder zehn Ballkleider.

Dass Freitag und Samstag Lust auf mehr von FLAME gemacht haben, dürften auch die meisten der mehr als 1 000 Zuschauer so sehen. Da lohnte es sich umso mehr, genau auf einen der Zwischentöne der Conférenciers Marcel Fischer-May und Charlotte Basting zu hören: Sie ließen durchblicken, dass der AGV-Chor im kommenden Jahr auf die „Titanic“ gehen werde. Das gleichnamige Stück will 2019 die Groß-Umstädter Musical Factory aufführen – und FLAME ist dabei. Mit „Let’s Musical“ hat der Chor derweil die eigene Messlatte so hochgelegt, dass es künftig schon ein Riesensatz sein muss, um sie noch einmal zu überqueren.

Quelle: op-online.de

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