„Einiges versprochen, wenig gehalten“

„Haus der Kinder“-Elternbeirat sieht Betreuungsqualität gefährdet

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Münster – In der Kinderbetreuung, so hat man landauf, landab den Eindruck, geht es derzeit vor allem um die bloße Schaffung von genügend Plätzen. Kommunen – auch Münster – rühmen sich gern mit der erreichten oder baldigen quantitativen Abdeckung. Von Jens Dörr

Der Elternbeirat der Münsterer Kita „Haus der Kinder“ sendet nun einen anderslautenden eindringlichen Appell: Der Blick müsse sich wieder stärker auf die Qualität der tagtäglich vor Ort geleisteten Arbeit richten. Dem bestmöglichen Niveau stehe in der von der Gemeinde betriebenen Betreuungseinrichtung neben der Kennedy-Grundschule besonders die dünne Personaldecke entgegen.

Silke Lauer, Daniela Selmes und Annemarie Hladik sind drei der fünf Elternbeirats-Mitglieder des „Hauses der Kinder“ – und aktuell nicht gut aufs Rathaus, aber auch die Fraktionen in der Gemeindevertretung zu sprechen. Was sich vor allem auf die aus ihrer Sicht unbefriedigende Personalausstattung der Kita bezieht.

Bis zu 87 Kinder kann die Einrichtung in der Stettiner Straße derzeit rechnerisch aufnehmen, in drei Ü3-Gruppen à 25 Kids sowie einer Krippengruppe mit zwölf Knirpsen. Durch den Mehraufwand für Inklusionsplätze liegt die tatsächliche Zahl der Kinder aktuell bei 80. Um sie kümmern sich 14 Erzieherinnen mit unterschiedlichen Zeitmodellen.

Annemarie Hladik (links) und Silke Lauer kämpfen mit dem Elternbeirat im „Haus der Kinder“ unter anderem für mehr Personal

Zahlen, die Marion Kinzl bestätigt. Die Leiterin des „Hauses der Kinder“ sitzt ein wenig zwischen den Stühlen. „Ich bin meinem Arbeitgeber gegenüber loyal“, betont sie, die wie die anderen Mitarbeiterinnen der Kita bei der Gemeinde angestellt ist. Allerdings sehe sie sich natürlich auch stark den Eltern verpflichtet, die ihren Nachwuchs ins „Haus der Kinder“ bringen. „Es ist eine Gratwanderung“, schildert Kinzl ihr persönliches Dilemma. In dem klar wird, dass sich auch die Leiterin, ob der personellen Lage ihrer Kita Sorgen macht, sie zugleich aber nicht verbal übers Rathaus herfallen möchte.

Die Elternvertreterinnen Lauer, Selmes und Hladik nehmen hingegen kein Blatt vor den Mund. „Wenn nicht nur die bloße Betreuungs- und Aufsichtspflicht gewährleistet werden, sondern auch der Bildungs- und Erziehungsplan umgesetzt werden soll, dann ist es ganz einfach nötig, dass wir uns Gehör verschaffen“, sagen sie. Den Schritt in die Öffentlichkeit gehe man nun auch deshalb, weil man sich im Rathaus nur bedingt verstanden fühle und angeregte Verbesserungen zu lange dauerten oder im Sande verliefen.

Beispielsweise fehlen dem „Haus der Kinder“ seit dem 1. März wöchentlich 40 Personalstunden, etwa eine Vollzeitstelle – was auch Kinzl bestätigt. Der Personalschlüssel berechnet sich nach dem Kinder- und Jugendförderungs-Gesetz, das den Standard vorgibt. Wünschenswert ist freilich eine üppigere Personalbemessung, wie sie etwa der Landkreis Darmstadt-Dieburg in seinen „Empfehlungen zur Qualitätssicherung in Kindertageseinrichtungen“ anregt. Von Letzterem sehen sie sich im „Haus der Kinder“ weit entfernt: „Stattdessen wird hier Personal erst ersetzt, wenn es an die Grenze der Betriebserlaubnis geht“, kritisiert Selmes. Auch sei die Gemeinde in jüngerer Vergangenheit „sehr träge“ gewesen, was die Verlängerung befristeter Verträge betroffen habe. „Mit dem Ergebnis, dass für die Kinder vertraute Erzieherinnen, für die momentan sowieso nur schwer Ersatz zu kriegen ist, woanders hingegangen sind.“

Deshalb sind die drei Mütter mit der Situation unzufrieden: Es fehle der „Blick über den Tellerrand“, man arbeite seitens der Gemeinde „zwar regelgerecht, aber immer an der Grenze“. Besondere pädagogische Pläne wie die „Literacy“-Erziehung (Förderung erster Erfahrungen mit Sprache und Schrift) ließen sich so kaum noch umsetzen. Auch die Zeit für Einzelgespräche mit den Kindern – auch aus Sicht von Kinzl pädagogisch enorm wichtig – fehle den Erzieherinnen. Außergewöhnliches wie etwa das Tischtennis-Projekt mit der DJK Blau-Weiß Münster lasse sich meist nur noch dank externer Unterstützung leisten

Darüber hinaus würde das „Haus der Kinder“ gern überschüssiges Geld aus der Pauschale, die das Land Hessen für jedes Kind auch in Münster an die Gemeinde zahlt, für konkrete Vorhaben abrufen. Kinzl verdeutlicht den „großen Wert von Gemeinschaftserlebnissen gerade in einer Kita wie der unseren, in der 75 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund haben“. Laut Annemarie Hladik vom Elternbeirat habe die Kita-Leitung schon Mitte Dezember im Rathaus eine Liste mit Unternehmungen eingereicht, die man vom verfügbaren Geld gern durchführen würde. „Wir haben bei der Leiterin nachgefragt: Sie hat bis heute keine Antwort darauf erhalten.“

Generell, so bemängelt Hladik weiter, werde seitens der Gemeinde „einiges versprochen, aber wenig gehalten“. So seien im „Haus der Kinder“ dringend Jalousien für den im Sommer einem Treibhaus ähnelnden Glasgang mit Aufenthaltsbereichen zwischen den vier Gruppenräumen sowie eine insgesamt bessere Klimatisierung nötig. Zumindest an anderer Stelle in der Kita seien 2018 welche installiert worden. Auch bitte man schon seit Monaten um Haltegriffe für zwei Toiletten, damit ein Kind im Rollstuhl beim Toilettengang nicht mehr wie derzeit „manchmal 15 oder 20 Minuten“ von einer Erzieherin festgehalten werden müsse.

Aktuell hoffen sie im „Haus der Kinder“ nach einigen „erschreckenden“ Besuchen von Ausschuss- und Gemeindevertreter-Sitzungen zudem darauf, dass auch die Lokalpolitiker „wieder stärker an der Sache orientiert arbeiten und weniger Machtgerangel betreiben“. Positiv sei zwar, dass sich CDU, SPD sowie ALMA und sogar die aktuell nicht im Kommunalparlament vertretene FDP mit dem Elternbeirat jeweils an einen Tisch gesetzt und Zeit genommen hätten, so die Elternvertreter. Im politischen Handeln – etwa bei der mehrheitlichen Entscheidung gegen die budgettechnische Eigenverwaltung des Überschusses aus dem Landesgeld – fühle man die konkreten eigenen Belange dann aber nur unzureichend abgebildet, meinen Hladik und Lauer.

Quelle: op-online.de

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