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Festen Glaubens ins Abenteuer

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Wolfgang Guggenberger zeigt Bilder seiner nächsten Wirkungsstätte.

Altheim - „Ein bisschen suchte ich wohl auch das Abenteuer“, sagt Wolfgang Guggenberger und schaut aus seinem Wohnzimmer im schmucken Haus am Waldrand von Altheim über die Baumwipfel. Der innere Blick des 63-Jährigen ist viel weiter weg gerichtet: nach Sierra Leone. Von Thomas Meier

Dort in Westafrika wird der seit Januar pensionierte Diplom-Volkswirt jetzt für sechs Wochen eine Augenklinik in Freetown leiten. Als Urlaubsvertretung für deren Chef, den er selbst in sein nicht unkompliziertes Arbeitsumfeld einführte. Es ist nicht der erste Auslandseinsatz des aus dem Mittelfränkischen stammenden, gelernten Radio- und Fernsehtechnikers, und so Gott will, noch lange nicht sein letzter. Kurz vor seinem Abflug gewährte der durchtrainierte Ausdauersportler und ehemals leitende Beamte, zuletzt beim Gesundheitsamt Frankfurt zuständig für Sonderaufgaben, einen Einblick in sein ungewöhnliches Leben als Entwicklungshelfer.

Der Weg von Mittelfranken in die weite Welt war kein geradliniger, wenngleich ein vorgezeichneter. Denn bevor Guggenberger bei den Ärmsten der Armen Hilfe zur Selbsthilfe leisten konnte, sollte er selbst erst einmal eine Menge lernen. Stoff unterschiedlichster Natur.

Gesellenbrief als Fernsehtechniker

Nach der Realschule in Baumholder kam die Bundeswehr, 1970 hatte er den Gesellenbrief als Fernsehtechniker in der Tasche. Später legte er die Verwaltungsprüfung für den gehobenen Dienst ab, gelangte nach kurzen Zwischenstopps als Sachgebietsleiter der Rechnungsführung ins Personal- und Organisationsamt Frankfurt. Zuvor hatte er seine Frau Helga, eine Arzthelferin, geheiratet. Und mit ihr nicht nur Zukunftspläne geschmiedet, sondern bis 1985 auch fünf Kinder gezeugt.

„Ich fand ziemlich spät zum Glauben. Und ich wollte immer raus in die Welt, etwas sehen, bewegen, zum Guten hin verändern“, sagt Guggenberger, 1971 als Jugendleiter in der Freien Gemeinde in Langen, später dort auch in der Erwachsenenarbeit, heute in Dieburgs Christengemeinde tätig. Gemeinsam mit seiner Gattin schaute er immer wieder mal nach etwas Passendem, doch erst als das Paar nebst Kinderschar sich gerade in Langen etabliert hatte, las es die Anzeige im Sonntagsblatt: Das Evangelische Missionswerk Niedersachsen suchte für die „German Hermannsburg Mission“ einen Rechnungsprüfer für die „Ethiopian Evangelical Church Mekane Yesus“ in Addis Abeba. Und das Beste: „Möglichst mit Frau, die sich dort um die Gästehäuser der Mission kümmerte“, erinnert sich der Entwicklungshelfer. Die Zwillingstöchter Rahel und Naemi waren gerade mal fünf Monate alt, der älteste Sohn zehn Jahre, als es auf den schwarzen Kontinent ging.

Geplant waren sechs Jahre

Geplant waren sechs Jahre, es wurde ein Dutzend, bis die Familie zurück kam. „Ich arbeitete dort unten anfangs 70 Stunden die Woche. Von wegen halber Tag für die Kirche, halber für das Rechnungswesen. Der Job fordert ganz und gar.“

Um Leiter der Verwaltungsaußenstelle der Mission werden zu können, beurlaubte die Stadt Frankfurt den Personalleiter. Und dies für nochmals sechs Jahre, als 1991 die Christoffel-Blindenmission in Bensheim einen Landesbeauftragten in Äthiopien für die Koordination von insgesamt 40 Projekten in den Bereichen der Prävention, Rehabilitation, Ausbildung, Finanzplanung und Controlling suchte. Und ihn in Guggenberger fand, denn der hatte längst Blut geleckt an seiner wahren Berufung.

Blinden- und Taubstummenschulen, Behindertenwerkstätten und ähnliches betreute der Verwaltungsbeamte mit besonderen Talenten fortan - landesweit. Wochenlang war er unterwegs. Im Land mit 70 Millionen Einwohnern gab es gerade einmal 40 Augenärzte. „Alles war eine einzige Baustelle“, erinnert sich Guggenberger. Er kämpfte gegen Windmühlenflügel und den berüchtigten afrikanischen Schlendrian, versuchte, in alle Projekte Strukturen hinein zu bringen, organisierte, improvisierte, motivierte. „In Afrika geht die Zeit anders, das muss man akzeptieren, sonst läuft nichts“, weiß der Aufbauhelfer. Terminabsprachen mit Einheimischen sind meist vergebene Liebesmüh. „Nur bei uns in der Klinik, da wissen alle, dass ich sehr auf Pünktlichkeit achte. Wobei ein Viertelstündchen Verspätung da auch nicht zählt.“

Der deutsche Helfer lernte schnell

Und der deutsche Helfer lernte schnell, dass Geld als Druckmittel nicht wirkt. „Man kann dort nicht sagen, wenn du das nicht so oder so machst, entziehen wir euch die Zuwendung. Das funktioniert nicht.“ Was funktioniert: „Man muss den Leute alles so verkaufen, als wären es ihre Ideen. Nur niemanden das Gesicht verlieren lassen. Dann klappt das.“

Als Familie Guggenberger 1985 in Äthiopien einreiste, gingen gerade weltweit die Bilder über die große Hungersnot im Land durch die Welt. Wandelnde Gerippe allenthalben. Schlimme Erfahrungen waren zu verkraften im Land der krassen Gegensätze von arm und reich. „Heute ist es vielleicht ein bisschen besser geworden, aber es gibt noch so viel zu tun“, sagt der Entwicklungshelfer. Er wurde bei seiner Arbeit überfallen, schwebte in Lebensgefahr, kam gerade nochmal davon - und würde trotzdem alles wieder so machen. Ein ganz gewichtiges Erlebnis: „Im einen Moment hatte ich ein kleines Mädchen noch auf dem Arm, eine Minute später war es tot, verhungert. Jede Hilfe kam zu spät. Solch ein schlimmes Drama vergisst man nicht.“

Dennoch kam Guggenberger 2000 mit Familie zurück. Seine Eltern, die seit den 70er Jahren in Altheim leben, halfen beim Hausbau im Münsterer Ortsteil, der von 1991 bis 1993 währte. „Da gingen unsere Jahresurlaube drauf“, lacht der Rückkehrer heute. Er arbeitete bis zu seiner Pensionierung Anfang des Jahres bei der Stadt Frankfurt weiter, zuletzt als Experte für den Betrieb von Krankenhäusern. Und von seinem Jahresurlaub zwackte er stets drei Wochen ab. Für Auslandsaufenthalte, die ihn für die Christoffel-Blindenmission nach Kenia, Uganda, Namibia und Kamerun führten. In diesem Jahr war er bereits in Sierra Leone. Baute dort das Augenhospital mit auf, das er jetzt für sechs Wochen leiten wird.

Quelle: op-online.de

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