Wo Erdbeeren vor bösen Jungs schützen

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"Internet und Sicherheit" hieß zwei Tage lang das Thema an der Münsterer Aueschule: Pädagoge Jörg Kabierske erläuterte Gefahren und Risiken im Netz.

Münster - Als Jörg Kabierske die Schüler der fünften Jahrgangsstufe der Schule auf der Aue fragt, wer Mitglied bei „SchülerVZ“ und damit in jener Online-Plattform ist, in der man sich austauschen und kennen lernen kann, gehen fast alle Hände der Elfjährigen hoch. Von Michael Just

„Wisst ihr auch, dass der Zutritt unter zwölf Jahren verboten ist?“, fragt der Pädagoge und erntet von einigen seiner Zuhörer abfälliges Gelächter zu dieser Regelung, die zwar besteht, die aber kaum jemand ernst zu nehmen scheint.

Computer und Internet haben das Leben revolutioniert – auch das von Kindern und Jugendlichen. „Die Internetexperten sitzen heute schon in der Grundschule“, sagt die Vorsitzende des Elternbeirats Sabine Schaub und ergänzt: „Wenn einige Eltern wüssten, mit wem und was ihre Kinder im Netz alles Kontakt haben, würden sie in Ohnmacht fallen.“ Für den Beirat war deshalb klar: Wir müssen über die Gefahren des Internets aufklären. Dazu reiste der Regensburger Pädagoge Jörg Kabierske für zwei Tage an.

Das Besondere: Neben den Schülerrunden fand auch ein Elternabend und ein Lehrerseminar statt. Wie Kabierske sagt, versuche die Gesellschaft, die Kinder stark für die reale Welt zu machen – bei der virtuellen Welt lasse man sie dagegen oft mit den Gefahren allein. Mit Blick auf die heutige Bedeutung des WWW sei deshalb – wie etwa bei der Verkehrserziehung – ein „Internetführerschein“ nötig. Wie breit die Gefahren im Netz gestreut sind, machte der Experte unter anderem an den Kontakt-Foren deutlich. Mit „ich heiße Däumelinchen“ beschrieb Kabierske einen Pädophilen, der unter falschem Namen und Alter mit den Schülern in Kontakt tritt. Der Pädagoge warnte davor, Treffen auszumachen: „Die vermeintlich gleichaltrigen Chat-Partner haben sich schon oft als erwachsene Männer entpuppt.“ Kabierske zerstörte damit so manches Sicherheitsgefühl und manche falsche Ansicht unter den Schülern, es gebe im Internet auch eine Art Ordnungsgewalt wie im realen Leben.

Die Jugend trete heute, sagte der 41-Jährige, mit einem anderen Persönlichkeitsverständnis auf: „Sie neigt zum digitalen Exhibitionismus, die Selbstdarstellung ist besonders wichtig.“ Viele Schüler seien sich der Tragweite ihres naiven Handelns nicht bewusst, wenn sie dabei persönliche Daten wie Namen, Alter, Wohnort, Schule, Handynummer und Fotos ins Internet stellen und damit für Millionen Menschen ihr Profil einsehbar machen. „Wenn ihr chattet, gebt doch einfach beim Vornamen ‚Erdbeere’ und beim Nachnamen ‚Kuchen’ ein“, erläuterte Jörg Kabierske.

Aber auch Erwachsene würden oft unbedarft handeln: „Nicht besser ist es, wenn Eltern stolz Fotos von ihren Neugeborenen ins Netz stellen.“ Weitere Aufklärung gab es zu den Themen Urheberrechte, Abzocke, Altersbeschränkungen, Cyber-Mobbing oder Spielsucht. Das Thema Spielsucht führte er auf Kinder zurück, die sich im Zeitalter von Doppelverdienern und allein erziehenden Eltern langweilen. Eltern riet er, „Medienzeiten“ zu vereinbaren und auf klassische Angebote zurückgreifen. Kabierske: „Auch wenn es viele vergessen haben, auch im Computerzeitalter gibt es noch Vereine.“

Informationen zu Jörg Kabierske

Jörg Kabierske arbeitet als Marketing- und Personalleiter in der IT-Branche. Durch seine Kinder ist er auf die Gefahren des Internets aufmerksam geworden. Seitdem ist er als Trainer für "KidSpro" tätig. Mit seinem Medientraining "Klicksalat" war er mittlerweile an über 110 Schulen. Von Eltern, die ihren Kindern das Internet verbieten, hält er nichts, da dann bei Freunden oder im Internetcafé weiter gesurft wird. Aufklärung und Kontrolle sind für ihn wichtig, um Kinder zu kompetenten Mediennutzern zu machen. Am Ende entscheiden die Kinder ohnehin selbst, was sie konsumieren, ist er sich sicher. "Das Medium ist klasse. Dazu ist Deutschland ein hochtechnisiertes Land, das ohne IT-Bereich nicht auskommt", sagt Kabierske. Kinder bräuchten einen Internetführerschein: "Alles andere ist verantwortungslos."

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