Sie finden´s nett, freundlich und heiß

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Nicht auf alle Fragen hatten die chinesischen Gäste eine Antwort parat - oft herrschte ratlose Zurückhaltung und erst auf direkte Ansprache wurde der Aufenthalt kommentiert.

Münster - „Was mögt ihr an deutschen Schulen besonders?“, fragte Englischlehrerin Ingrid Arnold-Berndt die 25 chinesischen Jugendlichen, die in der Mensa der Münsterer Schule auf der Aue zusammengekommen waren, um ihren zehntägigen Aufenthalt zu reflektieren. Von Jasmin Frank

Die Antwort blieb aus, denn die Schüler aus Fernost zeigten sich höflich zurückhaltend. Auch die nächste Frage nach Unterschieden zwischen den beiden Ländern blieb zunächst unbeantwortet, bis die Pädagogin resolut einfach die Schüler einzeln ansprach und zu einem Kommentar aufforderte.

Eher verlegen und reichlich leise kamen die Beiträge der Chinesen, was wohl auch an den von ihren deutschen Austauschschülern kritisierten teilweise mangelhaften Englischkenntnissen lag. „Hier wird weniger oft warm gegessen als bei uns“, erläuterte ein Mädchen. Freiwillige Redebeiträge kamen zumeist nur von einem einzigen Schüler, der Deutschland „very nice“, die Gastfamilien „very kind“ und das Wetter „very hot“ fand. Dem stimmten seine Landsleute zu. Und er war es auch, der eine sehr angenehme Beurteilung der kleinen Gemeinde Münster abgab, kommen die Jugendlichen selbst doch aus einer über 500 000 Einwohner starken Metropole und konnten so den augenfälligen Unterschied beurteilen.

„Hier ist es sehr friedlich und schön ruhig. Es ist ein Leben, das meine Eltern sich immer gewünscht haben“, meinte der Junge aus Huangyan. Das hörten die Gastgeber gerne, die ihrerseits wiederum insbesondere die Herzlichkeit der chinesischen Gäste hervorhoben.

„Was würdet ihr am Programm ändern?“, wollte Arnold-Berndt wissen, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Falk Schmidt für die Organisation zuständig gewesen war. Wie zu erwarten, gab es keinerlei Kritik, alle Gäste stimmten darin überein, mit dem Ablauf voll zufrieden gewesen zu sein.

Und so konnte die anwesende Dolmetscherin den Lehrern von der chinesischen Huang Yan High School, die alle kein Englisch sprachen und dennoch konzentriert der Diskussion lauschten, nur positive Aussagen ihrer Schützlinge übersetzen.

Die Chinesen direkt befragt, was sie denn in Münster bei ihrer Gastfamilie so gemacht hätten, gaben Li Yangang und Zhen Ying, zwei 16-jährige Mädchen, zunächst eher allgemein-freundliche Auskünfte, erzählten dann aber doch ein paar Details: Mit ihrer Gastgeberin Viola Kirchen haben sie sich gegenseitig auf der jeweiligen Landessprache Zahlen und einfache Sätze beigebracht, und mit Violas Vater, einem Hobbypiloten, genossen sie einen Rundflug. „Wir haben fünf Gerichte für unser Gastfamilie gekocht“, strahlten die beiden Chinesinnen, und Viola hat sogar ein chinesisches Kartenspiel gelernt.

Überrascht waren die Asiatinnen von dem Instrument ihrer deutschen Freundin: Sie spielt in der Big Band des TV Münster Posaune, ihr Bruder Trompete. „Wir waren mit in der Probe, das war laut, aber sehr schön“, meinten sie.

Viola freut sich schon, Ende September nach China aufzubrechen. Doch trotz aller Begeisterung der Austauschschüler des Vorjahres, haben sich in diesem Jahr nur 16 statt wie bisher 25 Teilnehmer aus Münster gefunden, um in das ferne Land zu reisen. „Viele Eltern gaben an, dass sie nach dem Atomunfall von Fukushima Angst um ihre Kinder hätten“, erläuterten die Organisatoren. Die Kosten für die Reise, 1 300 Euro, könnten kein Hinderungsgrund sein, denn der Austausch mit den USA sei ebenso teuer. Der Schulelternbeirat bestätigt diese Gründe für die Zurückhaltung der Münsterer Eltern, auch wenn zwischen dem Zielort der Kinder und dem japanischen Unglücksort 1 500 Kilometer liegen.

Doch vielleicht spielen noch andere Argumente eine Rolle, vermutet Petra Herd vom Schulelternbeirat: „Viele Eltern wünschen sich ein Austauschziel für ihre Kinder, das im Zusammenhang mit der erlernten Fremdsprache steht. Und da hat China nichts zu bieten. Sicher ist es eine interessante Kultur, aber ein spanischsprachiges Land zu besuchen, wäre viel nahe liegender, zumal die Nachfrage nach Spanisch an der Schule stark gestiegen ist.“ Diese Anregung sei auch schon entsprechend formuliert worden.

Doch Sprachkenntnisse hin oder her – die derzeitigen Austauschschüler verstanden sich auch ohne Worte gut, zumindest die Mädchen, die sich während der Reflektion sogar gegenseitig um die Frisuren kümmerten und Zöpfe flochten.

Quelle: op-online.de

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