Ein Fliegenkopf im Setzschiff

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Die Lettern aus dem Setzkasten auf dem Setzschiff in eine druckbare Reihenfolge setzen: Ein Abenteuer für die Regenbogenschüler, die Matthias Heinrichs´ Anregungen gern befolgten.

Altheim ‐ Dass Drucken keine „schwarze“ Angelegenheit ist, sondern Farbe ins Klassenzimmer bringt, erfuhren jetzt die Schüler einer vierten und einer zweiten Klasse der Regenbogenschule. Von Thomas Meier

Zu Gast war mit Matthias Heinrichs ein überaus Kundiger der „Schwarzen Kunst“, arbeitet der Lehrer der Darmstädter Mornewegschule doch über eine Abordnung des Staatlichen Schulamtes einen Gutteil der Woche als Jünger Gutenbergs im Schuldruckzentrum des Hessischen Landesmuseums. Und als solchen buchte ihn die Schule für einen Vormittag, damit der studierte Grafikdesigner den Kindern das Abenteuer Drucken nahe brachte. Als der heute 58-jährige Pädagoge sein Designer-Handwerk lernte, gehörten Drucken und Setzen noch zur Ausbildung dazu. Und er lernte später den Unterricht des französischen Reformpädagogen Célestin Freinet kennen, der in der 1920er Jahren die nach ihm benannte Erziehungslehre begründete und den Buchdruck in die Dorfschulen brachte.

Heinrichs ist ein Mann so ganz nach dem Geschmack der Regenbogenschüler, einer zum Anpacken, der schnell begeistern kann. Auf seine Frage, wer sich mit dem Computer auskennt, schnellten auch bei den Zweitklässlern alle Finger hoch. Doch meldete sich keiner, als der im blauen Kittel Steckende wissen wollte, was denn Lettern seien. Oder wie man etwa in vorvirtuellen Zeiten Plakate, Zeitungen oder Bücher gedruckt hat und wie die Buchstaben einst aufs Papier gelangten.

Schnell ordneten sich die kleinen Drucktypen

Im Gepäck hatte Heinrichs eine kleine, mobile Druckwerkstatt: Rollenpresse, Walzen, Lettern in Setzkästen, Setzschiffchen, Winkelhaken und mehr. Und der Drucker, der so gar nichts mit heutigen Computer-Anhängseln namens „Printer“ gemein hat, verstand es schnell, mit seiner Kunst zu faszinieren.

Im Unterricht waren die Kinder auf den Besuch vorbereitet worden, und so hatten etwa die Zweitklässler ein kleines Ostergedicht parat, das sie gedruckt haben wollten. Da stand einigen schnell der Zweifel ins Gesicht geschrieben. Wie nur sollte aus den kleinen Typen, die da scheinbar kreuz und quer im Setzkasten lagen, ein ordentlicher Ostergruß auf einer Karte entstehen?

Der Gast vermittelte, was ein rechter Handsatz war und auch noch sein kann. Schnell ordneten sich die kleinen Drucktypen auf dem Setzschiff in die Reihe. Doch welch Überraschung, als die Zuschauer gewahr wurden, wie der Meister die Buchstaben ordnete: alles seitenverkehrt und nicht mal auf dem Kopf stehend richtig zu lesen. Erst als Heinrichs einen Spiegel vor sein Werk hielt, leuchtete den Kindern sein Tun ein. Letzte Zweifel beseitigte der erste Andruck der Grußzeile „Frohe Ostern“, die mit großen Lettern gesetzt worden war. Jawohl, abgedruckt konnte es nun ein jeder lesen.

Mit Feuereifer durften nach der Eingangsdemonstration die ebenfalls bekittelten Kinder in Kleingruppen selbst ans Druckerwerk gehen. Dabei lernten sie schnell, was denn etwa ein „Fliegenkopf“ ist. Als solcher nämlich wird in der Druckersprache ein versehentlich kopfüber gesetzter Buchstabe bezeichnet. Und deren hatte es wohl in jeder Gruppe mindestens einen.

Heinrichs vermittelte ursprüngliche Erfahrung von Schrift. Nichts (nicht einmal die Letter) war bei seinem Unterricht kopflastig. „Viel zu sehr ist heute der Unterricht kognitiv bestimmt. Die Kinder gieren geradezu danach, mal etwas anfassend begreifen zu dürfen“, wortspielte der Pädagoge treffend. Der Rausch des Machens bemächtigte sich der Schüler, die schnell die Kontrolle über ihr Handeln gewannen. Drucken war immer schon eine junge Kunst gewesen, und sie toppte in diesem Unterricht für den Moment den Druck mit dem schnöden Computer um viele Punkt und Cicero - Längen, in denen die Schriftgrade gemessen wurden, als Millimeter für diese Kunst noch ein Fremdwort war.

Werkstatt für Schüler und Lehrer geeignet

Schulleiterin Helga Blitz war sich angesichts der Begeisterung für solchen Unterricht sicher: „Das werden wir wiederholen.“ Schon deshalb, weil die schuleigene Druckwerkstatt wieder reanimiert werden soll, die da in der Bibliothek die vergangenen sechs Jahre ein Schattendasein fristete.

Heinrichs vernahm es gern, ist er doch mit Leib und Letter Drucker-Lehrer. Er und seine mobile Werkstatt eignen sich gleichermaßen für einen pädagogischen Tag mit Lehrerteam oder für einen Workshop mit Kindern. Die Kosten für die mobile Druckwerkstatt betragen 100 Euro pro Vormittag. Anfragen bei Matthias Heinrichs unter Tel.: 06151 65811.

Quelle: op-online.de

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