Neujahrsempfang der SPD

Echt knorriger „Münte“ gefällt

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Plausch beim Neujahrsempfang der SPD Münster: Ex-Vizekanzler Franz Müntefering (l.) stellte sich den Fragen von Bürgermeister-Kandidat Gerald Frank.

Münster - Knorrig: Das ist eins der Attribute, mit denen Franz Müntefering während seiner aktiven politischen Laufbahn gern beschrieben wurde. Von Jens Dörr 

Ob jemand, der diesem Begriff folgend wenig umgänglich sein soll, so entspannt, zugeneigt und humorvoll auftreten könnte wie es „Münte“ am Samstagnachmittag vor 150 Zuhörern im Foyer der Münsterer Kulturhalle tat, sei einmal dahingestellt. Wer eine andere Eigenschaft sucht, mit der sich der 74-jährige ehemalige Vizekanzler der SPD treffender beschreiben ließe, könnte eher dieses Wort verwenden: authentisch.

Denn der Sozialdemokrat, der 32 Jahre Arbeit im Bundestag auf dem Buckel hat und heute ehrenamtlich dem Arbeiter-Samariter Bund vorsteht, kommt live genauso rüber wie im Fernsehen – und wirkt nicht, als spiele er Theater. Bei Genossen wie externen Gästen, fast alle aus der Generation 50-plus, kommt dies am Samstag beim Neujahrsempfang der SPD Münster offenkundig bestens an. Vielfach unterbrechen sie Müntefering mit zustimmendem Applaus. Moderator und SPD-Bürgermeister-Kandidat Gerald Frank, der den anregenden Plausch mit dem Parteigenossen führt, beschränkt sich zumeist wohltuend aufs Fragen und überlässt dem Gast das Feld.

Franz und Gerald

Denn „der Franz“, wie „der Gerald“ den Ex-Parteichef sogleich nennen darf und auch nennt, hat was zu sagen - auf fast jedem politischen Gebiet. Das gelingt ihm größtenteils mit der richtigen Mischung aus einfachen Worten und konkreten Beispielen, mit dem passenden Mix aus Beherrschung und Empathie. Müntefering hat sichtlich Lust auf das Gespräch, auch wenn er derlei gewiss schon hundertmal gemacht hat. „Bei uns zuhause wurde früher nie viel gelesen. Aber es wurde immer über Politik geredet“, sagt er. Und setzt diese Familientradition augenscheinlich auch nach dem Abschied aus den ganz großen Machtpositionen ziemlich gern fort.

Ausführlich gehen „der Franz“ und „der Gerald“ vor dem SPD-Banner „Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität“ besonders auf den demografischen Wandel in Deutschland ein. Die Münsterer weiß Müntefering zunächst einmal zu beruhigen: „Münster liegt gut, weil mitten im Rhein-Main-Gebiet.“ Hier müsse man in absehbarer Zeit kaum Abwanderung und eine schrumpfende Gemeinde befürchten. „Und wie bleibt Münster attraktiv?“, fragt Frank schon mal nach ein paar Wahlkampf-Tipps? „Sie brauchen Ausbildungs- und Schulmöglichkeiten, Jobs und genügend Wohnraum“, empfiehlt sein Gast. Und packt ein Patentrezept für eine seniorengerechte Gemeinde in zwei Sätze: „Die Alten wollen nicht im Wald wohnen und die Vögel singen hören. Wo sie wohnen, sollten Apotheke, Arzt, Bäcker und Bus sein.“ Es ist einer der wenigen Momente, in denen man „Münte“ auch für einen Dampfplauderer halten könnte.

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Natürlich muss auch ein ehemaliger Bundesminister für Arbeit und Soziales irgendwann zum Schluss kommen. Es gereicht Franz Müntefering am Samstag indes zur Ehre, dass auch nach mehr als einer Stunde kaum wer im Auditorium aussteigt. Das Volk hängt an den Lippen jenes Manns, der die „soziale Gesellschaft“ mit Vereinen und Ehrenamt streift, die Notwendigkeit besser bezahlter Pflege betont und auf die „Bewegungsverhinderungs-Gesellschaft“ schimpft. In dem Moment wirkt er dann doch ein bisschen knorrig. Man kann es aber auch authentisch nennen.

Quelle: op-online.de

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