Beim freudigen Scherenklappern sagt Andrea Schwert: Politik hat uns lange im Stich gelassen

Münsterer Friseurin heilfroh und stinksauer zugleich

Andrea Schwert frisiert nach drei Monaten Pause wieder. Ihre erste Kundin ist Monika Barz, die schon im Dezember den Termin reservierte.
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Andrea Schwert frisiert nach drei Monaten Pause wieder. Ihre erste Kundin ist Monika Barz, die schon im Dezember den Termin reservierte.

Sie weiß ihre Gefühle gar nicht so genau einzuordnen. Andrea Schwert, seit 1993 Friseurmeisterin, die 1997 ihr Geschäft „Haarscharf“ an der Hauptstraße 65 eröffnete, ist einerseits „so froh, endlich wieder meiner Arbeit nachgehen zu dürfen“. Andererseits ist sie aber auch „stinksauer, dass wir kleinen Unternehmer so im Stich gelassen worden sind von der Politik“.

Altheim – Gestern morgen Schlag 9 Uhr war der Spuk mit Namen Lockdown für sie und ihr kleines Team vorbei. Vorerst. Und auch ihre erste Kundin Monika Barz, Stammkundin seit „mindestens 15 Jahren“ Jahren, ist heilfroh, wieder unter die Fittiche, besser: die Scheren von Andrea Schwert zu kommen.

Die Friseurin aus Köln, die es der Liebe wegen nach Altheim verschlagen hat, kann sich noch ganz genau an ihren letzten Arbeitstag vor dem erneuten Lockdown – sie musste bereits beim ersten schließen, der vom 22. März bis 4. Mai für Friseure währte – erinnern. Es war der 15. Dezember und sie hatte neben ihrer Kundschaft einen Termin mit ihrem Steuerberater, der am 16., dem Start des Herunterfahrens fast aller Tätigkeit im Land, noch die für Schwert relevanten Unterstützungen beantragte. „Bis heute haben weder mein Steuerberater noch ich etwas davon gehört. Nicht einmal eine Eingangsbestätigung kam von den Ämtern“, weiß Schwert frustriert zu berichten. Nicht nur, dass kein Schreiben sie erreichte, es gab bislang auch keinen Cent Unterstützung.

„Ich bin seit bald 29 Jahren selbstständig und haushalte sparsam“, sagt die Meisterin. Auch habe sie das Glück, ihr Geschäft im eigenen Haus auf eigenem Grund zu führen. „Doch hätte ich nicht auf Rücklagen zurückgreifen können, mit wäre längst der Allerwerteste auf Grundeis gegangen“, sagt die rheinische Frohnatur mit Humor, aber auch einer gehörigen Portion Bitterkeit in der Stimme. „KLar hab ich Eigentum. Aber dadurch habe ich auch ganz andere Kosten. Und jetzt der Lockdown über den Jahresbeginn: Da wollen die Berufsgenossenschaft, die Handwerkskammer und der Staat mit seiner Vorsteuer ihr Geld pünktlich überwiesen bekommen. Wie soll das alles funktionieren, wenn monatelang keine Einnahmen hereinkommen“, fragt Schwert zornig. Es werde keine Rücksicht darauf genommen, wie man nach solch einer Zwangsschließung da stehe.

„Dennoch: Ich bin überglücklich, wieder im Laden stehen zu können“, sagt sie. Auch wenn der schon anders als in Vor-Pandemiezeiten ausschaut, so mit Begrüßungs-Desinfektionsspender am Eingang, den Plastikscheiben zwischen den Mitarbeiterinnen, dem leise rauschenden Luftreiniger auf Lichtbasis, den Schwert für mehrere Hundert Euro für sich, die Mitarbeiterinnen und die Kundschaft anschaffte. „Auch wenn ich weiß, spätestens übermorgen hab ich mords Muskelkater in den Unterarmen und mir tut das Kreuz vom jetzt doch wieder ungewohnt langen Stehen weh: Ich freue mich auf meine Stammkundschaft, meine Mitarbeiterinnen, das ganze Leben um mich herum.“

Und an Arbeit wird es ihr die kommenden vier Wochen sicher nicht mangeln, der Terminkalender ist randvoll. „Wir hatte ja schon vor drei Wochen mal Hoffnung auf Öffnung gemacht bekommen“, erinnert Schwert. Und seit Anfang Februar habe das Telefon ständig geklingelt, die Kundschaft „ins Blaue“ hinein und auf Verdacht schon mal Termine gebucht. Die wurden dann stets der Reihe nach weiter geschoben auf den März. „Das war eine Telefoniererei“, lachte die Friseurin gestern, da ihre Scheren endlich wieder klappern dürfen.

Wenngleich ihr und den beiden Mitarbeitern das Lachen auch umgehend wieder vergeht, klingelt am Telefon jemand an, der jetzt und gleich den perfekten Haarschnitt möchte. Schon um kurz nach 6 Uhr in der Früh klingelte es bei „Haarscharf“, ein Herr aus Dieburg hätte gern „heute um 12 Uhr, zur Mittagspause, einen Termin“. Keine Chance, nicht am ersten Tag mit 18 gebuchten Kunden, keine Chance diese Woche – „vielleicht nächsten Monat?“.

Monika Barz lacht, als sie das hört. Versichernd: „Ich bin ja so glücklich. Heute ist so ein schöner Tag.“ Sie sitzt im Frisiersessel, hat den Kopf gewaschen bekommen und weiß: „Bald seh’ ich nicht mehr aus wie Frau Struwwel persönlich.“ Sie hatte sich vor drei Monaten schon den Termin gesichert. Nicht, dass sie hellseherisch gewesen und den 1. März vorausgesehen hätte: „Ich wollte nur die Erste sein, wenn es wieder losgeht.“ Und der Stammkundin wurde dieser Wunsch freilich erfüllt.

Sie dürfte auch eine derjenigen sein, die den kürzesten Weg zur Friseurin ihres Vertrauens hat („Mir kommt nicht jede an meine Haare dran“), sie wohnt nur ein paar Häuser weiter. Doch Andrea Schwert hat in Altheim keine Laufkundschaft und die meisten ihrer Kundinnen und Kunden kommen aus dem weiten Umland zu ihr. Aus Frankfurt, dem Rodgau, Aschaffenburg oder dem Odenwald rekrutiert sich der Fankreis vom Team „Haarscharf“. (Von Thomas Meier)

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