Geheimnisvolle Baumgesichter

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Mystische Gesichter aus Holz zieren seit einiger Zeit Bäume in Münster, wie hier am Ufer der Gersprenz Richtung Hergershausen. Sie stammen von der Künstlerin Ludmilla Vasata, die weitere solche Installationen plant.

Münster ‐ Mit gesenkten Köpfen eilen sie ihrem Ziel entgegen. Sie schauen weder nach rechts noch nach links. Im Alltagsstress bleibt für die Umwelt kaum ein Blick. Doch dann plötzlich dieses Gesicht. Von Veronika Szeherova

Sanft lächelnd blickt es mit großen Augen von einem Baum herab. Darunter ein kurzer Text. Manche der eben noch so eiligen Passanten halten kurz inne, bevor sie weiter gehen. Einige lächeln dabei.

Wenn Ludmilla Vasata einen solchen Moment beobachtet, ist sie glücklich. Denn das Baumgesicht, das die Menschen für einen Augenblick aus ihrem Trott geholt hat, ist ihr Werk. An fünf Bäumen in Münster und einem in Babenhausen hat die Künstlerin die Gesichter aus Holz befestigt, es sollen weitere folgen. „Viele Menschen nehmen die Wunder um sie herum nicht wahr“, findet die Künstlerin. „Ich möchte, dass sie kurz innehalten, sich öffnen, aufmerken – es geht mir um die sinnliche Wahrnehmung der Natur.“ Sie schmunzelt: „Die Leute sollen einfach mal wieder gucken.“

Bäume waren für die Münsterin schon immer faszinierend. „Es sind Wesen mit einem tiefen elementaren Wissen in sich. Ein Baum hält dich, du kannst dich an ihn anlehnen, er spendet Schatten und macht Musik mit seinen Blättern und Zweigen“, schwärmt sie. Da Menschen zur Überheblichkeit neigten, würden sie die Natur als selbstverständlich ansehen. „Die Natur braucht uns nicht, aber wir brauchen sie. Entfremdung von ihr macht Menschen krank“, sagt Ludmilla Vasata. „Heilung ist nur möglich in der Natur. Überall um uns herum ist so viel Schönheit, wir müssen sie nur sehen und uns an ihr erfreuen.“

Diese positive Lebenseinstellung hat sie verinnerlicht. Dass die Künstlerin schon 70 Jahre alt ist, sieht man ihr nicht an. Eine jugendliche Gestalt, schwarzes, lockiges Haar, leichtfüßige Bewegungen. Trotzdem will sie sich nicht für die Zeitung fotografieren lassen. „Ich möchte nicht mich als Person in den Vordergrund stellen, sondern allein die Botschaft der Baumgesichter.“

Seit etwa vier Wochen hat sie diese an Münsters Bäumen angebracht. Angebunden mit Schnüren, versteht sich: „Es widerspräche mir, in einen Baum zu bohren, das würde mir selbst weh tun.“ Im ersten Moment sei es ihr schwer gefallen, sich von ihren Werken zu verabschieden. „Ich hatte das Gefühl, ich lasse sie allein, und war besorgt, ob ihnen jemand etwas antun könnte“, sagt die zweifache Mutter.

Doch zu ihrer Erleichterung hängen sie alle noch. Schon einige schöne Beobachtungen habe sie machen können und positive Rückmeldungen erhalten, was sie sehr freut. Ludmilla Vasata vermutet, dass es auch daran liegen könnte, dass sie in den kurzen Texten unter den Gesichtern aus Sperrholz „freundlichen Input“ gibt. So steht an einer Erle an der Gersprenz in Richtung Hergershausen: „Guten Tag! Ich möchte mich vorstellen: Alnus Glutinosa, Erle von der Gersprenz. Sprich ruhig mit mir. Ich verstehe alles, mein Freund!“ Andere Gesichter laden zum Anfassen und Umarmen ein. Die Namen der Baumgesichter sind Spielereien mit den botanischen Fachausdrücken.

Die Idee reifte in der gebürtigen Kielerin vor etwa einem dreiviertel Jahr, nachdem sie einen Kinofilm gesehen hatte, in dem ein Baum mit zwei weißen Steinchen ein Gesicht gemacht bekam: „In dem Moment wusste ich, dass ich in die Richtung etwas machen muss.“ Sperrholzplatten, Acrylfarbe, etwas Lack – und natürlich Zeit und Fantasie, mehr brauche es nicht. Dann noch etwas Rinde, etwa für die Haare oder einen Bart. „Jedes Gesicht ist einmalig, genau wie jeder Baum“, sagt Ludmilla Vasata. In den mystischen Gesichtern würde jeder etwas anderes erkennen.

„Wer immer seine Gedanken, Gefühle oder Ideen mitteilen möchte, kann gern kleine Zettel mit einer Wäscheklammer an das Seil heften“, ermutigt die Künstlerin. Man findet ihre Bauminstallationen nicht nur an einer Erle und Weide am Gersprenzufer Richtung Hergershausen, sondern beispielsweise auch an einer riesigen alten Pappel unweit des Schwimmbads. Aber zu viel wird hier nicht verraten. Schließlich soll jeder selbst mit offenen Augen durch die Welt gehen. Und ihre großen und kleinen Wunder entdecken.

Quelle: op-online.de

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