Ein Geistlicher als Hochseefischer

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Seelsorger in der Bundeswehr: Rainer Schadt.

Münster ‐ „Tja, eigentlich wollte ich ein ganz normaler Pfarrer werden und dann wurde ich zur Bundeswehr beordert. Aber nach über 20 Jahren gefällt es mir dort ausgesprochen gut“, schmunzelt der Münsterer Rainer Schadt. Von Jasmin Frank

Er hat einen ungewöhnlichen Lebensweg gewählt: Als „katholischer leitender Militärdekan für den Norden Deutschlands“ wie seine offizielle Funktionsbezeichnung lautet, ist er Ansprechpartner für 19 Dienststellen, 43 Militärpfarrer, Pastoralreferenten und Pfarrhelfer sowie für etwa 50.000 Soldaten. „Ja, das ist ein bisschen wie Hochseefischerei. Von meinen Schäfchen sind nur 5000 katholisch und weitere 15.000 evangelisch. Die anderen 30.000 sind konfessionslos, da sich viele Marinesoldaten aus den neuen Bundesländern rekrutieren, wo ja aus historischen Gründen keine rege religiöse Sozialisation stattgefunden hat. Und obwohl wir natürlich nicht missionieren, ist es doch überraschend, wie häufig sich Soldaten und Soldatinnen für die Religion entscheiden und sich taufen lassen. Für mich als der ‚Hochseefischer’ ist das natürlich eine große Freude“, erzählt der sympathische Kirchenmann.

Er weiß sehr wohl von den Vorteilen, die viele Soldaten ihm und seinen Kollegen entgegenbringen, umso mehr wirbt er für gegenseitigen Austausch, der vor allem im Ethikunterricht der fortwährenden Weiterbildung der Bundeswehrangehörigen zustande kommt. Entspannt und doch voller Begeisterung berichtet er von seiner Arbeit, die alles andere als einfach ist. „Ich war schon auf vielen Auslandseinsätzen. Sowohl in Somalia, im ehemaligen Jugoslawien als auch in Afghanistan. Da wird es schon manchmal gefährlich“, meint er. Trotzdem habe er keine Angst vor dem Tod, dazu sei er zu gläubig. Allerdings fürchte er sich vor dem Sterben selbst, weil er nicht weiß, wann und wie das sein wird.

Für die täglichen Nöte da sein

Seine Erfahrungen im Ausland haben ihm aber auch ein besonderes Gespür für die Problemchen in unserer reichen Gesellschaft gegeben. „Als ich von meinem ersten Einsatz in einem Feldlazarett in Kambodscha zurückkam, hatte ich ein Schlüsselerlebnis. Von einem völlig verarmten und zerstörten Land aus, in dem für die Menschen das tägliche Leben auf dem Spiel seht, kam ich am Flughafen an. An diesem Tag war die Schlagzeile auf dem Titel einer Zeitung: ‚Deutschland: Die Angst vor den neuen Postleitzahlen’. Da war mir klar, wie gut es uns geht, wenn wir uns hier vor sonst nichts zu fürchten brauchen“, macht Schadt deutlich.

Die Hauptaufgabe eines Seelsorgers der Bundeswehr ist – neben dem Abhalten von Gottesdiensten und dem Erteilen der Sakramente – für die täglichen Nöte und Sorgen der Soldaten da zu sein.

Vor allem Sinnfragen werden gestellt, etwa ob ein Christ überhaupt Dienst an der Waffe tun könne. „Für mich ist das ganz deutlich: Ein freiheitlicher und demokratischer Staat muss Verantwortung für seine Bürger übernehmen und diese verteidigen. Da ist es moralisch und ethisch nicht verwerflich, als Christ seinen Teil dazu beizutragen“, bestätigt der Dekan die offizielle Meinung aus Rom und der Bischofskonferenz. Man merkt dem engagierten Theologen an, dass er voll hinter seinen Leuten steht und ihnen nicht nur zuhört, sondern für sie auch mal den Mund aufmacht. „Die Menschen haben sehr großes Vertrauen in uns, denn wir sind ja zur Verschwiegenheit verpflichtet. Zudem sind wir der Bundeswehr gegenüber nicht weisungsgebunden und haben dennoch einen nicht unerheblichen Einfluss. Deshalb kommt es immer wieder vor, dass wir uns aktiv für die Soldaten einsetzen“, so der Monsignore. Er wusste schon im zarten Alter von 16 Jahren, dass er katholischer Pfarrer werden wollte, was er der guten Jugendarbeit der Münsterer Gemeinde zuschreibt. „Für meine Mutter war das zunächst ein ganz schöner Schreck. Ich bin ja ihr einziger Sohn. Ihre erste Reaktion war: ‚Dann bekomme ich ja gar keine Enkelchen’. Doch dann haben mich meine Eltern sehr unterstützt“, lächelt er und kommt auch deshalb regelmäßig nach Münster zurück.

Doch nicht nur die Eltern, auch die Freundschaften halten seine Wurzeln frisch, so hat er regen Kontakt zum Männergesangverein 1848. „Ich bin schon so viel herumgekommen und freue mich, dass ich immer noch weiß, wo ich hingehöre und wo meine Heimat ist. Meinen Lebensabend werde ich auf jeden Fall hier, zu Hause, verbringen“, hat sich Schadt vorgenommen, der tatsächlich im In- und Ausland schon einiges gesehen hat und den es dennoch, oder gerade deshalb, immer wieder ins kleine Münster zieht.

Quelle: op-online.de

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