Gemeinsam Vorurteile abbauen

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Mirza Shafqat Baig, Vittorio Pannone, Tahir Raja-Ahmad und Hülya Lehr organisieren die letzten Schritte der Ausländerbeiratswahl.

Münster/Eppertshausen ‐ Seit 1993 gab es in Münster keinen aktiven Ausländerbeirat mehr. Nun hat sich ein kleines engagiertes Grüppchen zusammengetan, um diese Situation zu ändern. Von Jasmin Frank

„Bei uns kommen viele Informationen überhaupt nicht an und wir können uns auch nicht in Entscheidungsabläufe einbringen. Da wir aber gerne hier in Münster leben, wollen wir das Leben vor Ort aktiv mitgestalten“, so Vittorio Pannone. Der Italiener hat sich wie seine sechs Mitstreiter, die aus Polen, Pakistan und der Türkei stammen, in der „Interkulturellen Friedensgruppe Münster“ für die Wahl aufstellen lassen.

Doch bis es soweit war, hatten die rührigen Männer und Frauen einiges zu tun, denn alle Vorbereitungen mussten von ihnen selbst getroffen werden. „Wahlplakate aufhängen, Anschreiben verfassen und versenden sowie Informationsveranstaltungen vorbereiten und durchführen, das alles stand in den letzten Wochen bei uns auf dem Programm“, meint Hülya Lehr. Doch die Arbeit hat den Münsterern viel Spaß gemacht und die Gruppe gestärkt. „Für uns ist das Ganze ja noch genauso Neuland wie für die Gemeindeverwaltung, so dass die konkreten Abläufe noch gar nicht klar sind“, berichtet Lehr.

„Nicht über Ausländer sprechen, sondern mit Ausländern sprechen“

So hat die Initiative auch ganz vielseitige Ziele: Sie wollen in den Ausschüssen und Sitzungen präsent sein, um frühzeitig an Informationen zu gelangen und dadurch beratend mitwirken zu können, aber sie möchten auch als Brücke zwischen Deutschen und Ausländern, zwischen ihren Gemeinschaften und der bürgerlichen Gemeinde fungieren. „Ein ganz schlichtes Ziel ist es, nicht über Ausländer zu sprechen, sondern mit Ausländern zu sprechen. Nur so können Vorurteile von beiden Seiten abgebaut werden“, sind sich die Kandidaten einig. Zudem steht eine konstruktive Jugendarbeit auf ihrem Programm, aber auch die Begleitung von Familien, die nur schlecht deutsch sprechen, soll verbessert werden.

„Als ich 1993 nach Deutschland kam, habe ich mir als erstes Bücher gekauft, mit denen ich die Sprache erlernen konnte. Leider sind nicht alle Migranten so initiativ, deshalb wollen wir die Menschen ansprechen und sie dazu motivieren, Sprachkurse zu besuchen. Denn nur wenn die Eltern, vor allem die Mütter, gut deutsch sprechen, haben die Kinder eine reelle Chance in der Schule“, so Mirza Shafqat Baig. Der pakistanische Jurist, der in Deutschland als Angestellter tätig ist, geht mit gutem Beispiel voran: Seine Kinder besuchen erfolgreich das Gymnasium.

In Nachbarkommune Eppertshausen wird kein Ausländerbeirat gewählt

Auch von Seiten der Gemeinde freut man sich auf die Zusammenarbeit mit dem Gremium, so Bürgermeister Walter Blank: „Wir sind froh, einen konkreten Ansprechpartner zu haben. Auch wenn alle Entscheidungen in der Gemeinde die Ausländer ebenso betreffen wie die Deutschen, gibt es Belange, in denen die Meinung des Beirats von besonderer Bedeutung sein wird, beispielsweise bei der Einrichtung von Sprachkursen.“

In der Nachbarkommune Eppertshausen wird kein Ausländerbeirat gewählt, weil dort weniger als 1000 Ausländer leben, wobei dennoch eine Einrichtung des Rats möglich wäre. „Bei uns engagieren sich Menschen mit ausländischer Herkunft einfach direkt, so haben wir in der Gemeindevertretung einen EU-Bürger und ein Mitglied mit jordanischen Wurzeln. Ich gehe davon aus, dass hier im Ort der Kontakt so gut ist, dass die Menschen sich direkt an uns wenden, wenn sie ein Anliegen haben“, hofft Bürgermeister Carsten Helfmann.

Deshalb wurde auch für den örtlichen Jugendtreff Ismail Özdemir engagiert, damit der Kontakt zwischen der Gemeinde und den Migranten schon von klein auf reibungslos funktioniert. In Münster reißen derweil die Vorbereitungen nicht ab und noch in den letzten Tagen vor der Wahl finden Informationsveranstaltungen statt. Weitere Anhaltspunkte auf der Internetseite zur Ausländerbeiratswahl.

In mehr als 90 Kommunen in Hessen wird am 7. November die Vertretung der Migranten in Gemeinden, Städten und Landkreisen, der Ausländerbeirat, neu gewählt. Er ist deren gesetzlich verankerte Interessenvertretung und hat zahlreiche Ziele: Wichtige Impulse und Anregungen für ein gleichberechtigtes Miteinander der Menschen zu geben, die politische Partizipation von Migranten zu ermöglichen, sich erfolgreich für Integration ohne Aufgabe der eigenen Identität einzusetzen, sich gegen Rassismus und Rechtsextremismus zu engagieren und aktiv in integrationspolitische Entscheidungen vor Ort eingebunden zu sein. Die hessische Gemeindeordnung sieht vor, in allen Gemeinden mit mehr als 1000 gemeldeten ausländischen Einwohnern alle fünf Jahre einen Ausländerbeirat zu wählen, wobei auch in anderen Gemeinden ein solches Gremium eingerichtet werden kann.

Quelle: op-online.de

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