Hitze wirkt sich gar aufs Bingo aus

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Ihm macht die Hitze im Haus der Gersprenz nichts aus: Jean-Jaque Amoussou Tossou, der ursprünglich aus Kamerun kommt.

Münster - Deutschland schwitzt! In den letzten Tagen stieg die Quecksilbersäule Tag für Tag an. Nach nur kurzer Verschnaufpause verkünden die Metereologen bereits die nächsten Saharawinde und -temperaturen, die vielen Menschen das Gefühl geben, in einem Backofen zu sitzen. Von Michael Just

Während einige Gefallen daran finden, dass der Sommer seine heiße Seite zeigt, sind andere des Schwitzens schon lange überdrüssig. Vor allem im Pflegeheim der Seniorendienstleistung Gersprenz braucht man den Sommer in dieser Ausprägung nicht. Doch zeigt man sich hier gewappnet. „Es gehört zu einer Einrichtung für Senioren, dass im Hochsommer immer wieder Bewohner Kreislaufprobleme bekommen und auch schon mal der Krankenwagen gerufen werden muss. In diesem Jahr vertragen die Senioren die Hitze aber bislang ausgesprochen gut und Schwächeanfälle sind nicht bekannt“, erzählt die stellvertretende Hauswirtschafterin, Petra Weilmünster. „Wo selbst Jüngere aufgrund des Wetters keinen Appetit haben, essen viele Senioren sogar ihren Teller leer“, fügt sie hinzu.

Trotzdem geht es natürlich langsamer zu als sonst. „Ja, es ist viel zu warm. Das geht uns Älteren besonders in die Glieder und drückt aufs Allgemeinbefinden“, sagt eine Bewohnerin, die die kühleren Abendstunden herbeisehnt. Überall auf den Stockwerken wird gegen die Hitze gekämpft. An vielen Ecken laufen Ventilatoren. Dazu sind zum Essen gegenüberliegende Fenster in der Hoffnung geöffnet, dass ein klein wenig Durchzug entsteht und die stehende Warmluft mitnimmt. Auf einem Stockwerk hat man sogar nasse Handtücher zwecks Luftbefeuchtung des trockenen Saharawindes aufgehängt. Zudem wird beim Verdunstungsprozess Wärme entzogen.

„Für uns ist das Wichtigste in diesen Tagen, dass die Senioren trinken, trinken und nochmals trinken“, erzählt Wohnbereichsleiterin Andrea Volk. Das sei nicht so einfach, da bei älteren Menschen das Durstgefühl nachlässt und damit die Gefahr des Dehydrierens sehr groß ist. So stellt man laut der 31-Jährigen den Senioren immer wieder Gläser mit Wasser hin und fordert sie zum Trinken auf. Wirkungsvoll sei auch Fruchtsaft, denn gekühlt schmeckt der besonders gut. „Da wird dann gerne ein Glas mehr getrunken“, erzählt Volk. Auf den Tischen liegt zudem Salzgebäck aus: Das soll den Durst fördern und gleichzeitig die Verluste beim Salzhaushalt ausgleichen, die durch Schwitzen entstehen.

Kerstin Herring von der Sozialbetreuung sagt, dass sich die Hitze am Wochenende auch auf ihr Bingo-Spiel ausgewirkt hat: „Sonst gibt es als Gewinn etwas Süßes. Heute hatte ich Eis dabei“, berichtet sie. Doch nicht allen Senioren leiden unter der Hitze. Darunter ist die 105-jährige Luise Leonhard. Sie hat trotz der Temperaturen ihre Strickjacke an, als wolle sie Petrus sagen, dass man in diesem Alter von vielen Dingen unbeeindruckt bleibt. Auch Margret Wieland (86) nimmt die Temperaturen gelassen. „Wir hatten früher ein Haus in Spanien“, sagt sie. Nach diesem Satz versteht man, dass deutsche Hitzrekorde wenig anhaben können. Wieland sorgt sich eher um das Personal: „Das Hauptproblem haben die Schwestern. Die müssen bei dem Wetter arbeiten, während wir eigentlich nur dasitzen“, sagt sie und lobt, dass die Pflegerinnen trotz der Hitze überaus hilfsbereit sind.

Wer einen Blick auf das Personal wirft, dem fällt auf, dass sich viele von den Mitarbeitern ein Handtuch über die Schultern geworfen haben. Regelmäßig werden daran die Schweißtropfen von der Stirn und aus den Augen gewischt. Wie Volk sagt, kümmert sie sich mit ihren Kollegen hingebungsvoll um die Senioren. In der warmen Jahreszeit geschehe das noch sorgsamer: „Wir schauen sehr genau hin, dass uns keiner kollabiert.“ Durch ihre Frühschicht hat Volk um 14 Uhr Feierabend. Ob es für sie im Anschluss noch an den Baggersee geht? „Nein, einkaufen, und dann verbarrikadiere ich mich zuhause. Am See ist es mir jetzt viel zu heiß“, sagt die Eppertshäuserin.

Beim Essen genießen viele Senioren vor allem den Nachtisch: Mit Wassermelone am Samstag und Eis am Sonntag hat der etwas Erfrischendes. „Ich war sowieso noch nie ein starker Esser. Bei dem Wetter wird es jetzt noch ein bisschen weniger“, sagt Marie Richter (95). Vielleicht ist dies das Geheimnis, warum sie so alt geworden ist. Zum Mittagessen reichte ihr jetzt ein Apfelstrudel mit Vanillesauce. Er steht auf dem Speiseplan unter der Kategorie „fleischlos glücklich“. Andere am Tisch essen mehr und genießen den Lammfleischeintopf.

Nach dem Essen sehnen viele Senioren die Mittagsruhe herbei. In fast allen Zimmern sind die Rollläden heruntergelassen, so dass die Sonne nicht einfällt. Tatsächlich gibt es im Haus eine Person, der die Hitze überhaupt nichts ausmacht. Es ist Jean-Jaque Amoussou Tossou aus Kamerun. Der 20-jährige Mann macht ein freiwilliges, soziales Jahr bei der Gersprenz. Vier Monate hat er bereits hinter sich. Wie er erzählt, habe es im Kamerun fast immer 40 bis 45 Grad. So komme er bei diesen Temperaturen, wenn überhaupt, nur ganz leicht ins Schwitzen.

In gutem Deutsch und mit einem Lächeln fügt er hinzu, dass er um die Mittagszeit sogar etwas Fußball spielen könnte. Erst dann kämen unter direkter deutscher Sonne vielleicht ein paar Schweißtropfen bei ihm hervor. Bei seiner Arbeit, die Senioren zu versorgen, sei das aber nicht der Fall: „Wenn Schweißtropfen laufen dann nur aus Solidarität mit den Kollegen“, sagt er und schenkt einem Hausbewohner etwas zu trinken ein.

Quelle: op-online.de

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