Flüchtiges Sein der Nomaden-Kunst

Mehr als 20 Kreative schaffen Werke in Münsters Naturschutzgebiet

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Die Inderin Gunjan Tyaji und Imke Rust aus Namibia mit „Reet und Stock“, einem flüchtigen Kunstwerk aus dem und für das Naturschutzgebiet Auf dem Sand.

Münster - Wildgänse, Störche, Reiher und Konsorten im Naturschutzgebiet Auf dem Sand bekamen am Samstag besonderen Besuch: Mehr als 20 Künstler-Nomaden reisten an, um sich in dieser Landschaft kreativ zu betätigen. Das internationale Künstlersymposium Global Nomadic Art Project machte einen Tag Station in Münster und Altheim. Von Thomas Meier 

Zum Global Nomadic Art Project „Urban Nature Art“ sind vom 19. August bis 3. September 13 internationale und acht deutsche Künstler eingeladen, die in Darmstadt und der Region flüchtige Kunstwerke erstellen und fotografisch dokumentieren. Die Kreativen kommen aus Indien, Iran, Slovakei, Süd Korea, Südafrika, Litauen, Schweden und Ungarn. Sie suchen zu Workshops an 16 Orten beispielsweise das Felsenmeer im Odenwald, den Basalthang am Otzberg oder die Düne zwischen Münster und Altheim auf. Dazu kommen die urbanen Naturorte in Darmstadt wie der Waldkunstpfad, das Oberfeld, die Mathildenhöhe und mehr.

Das Projekt läuft in Kooperation mit dem Verein für Internationale Waldkunst, dem Zentrum für Kunst und Natur, Yatoo International, Süd Korea sowie dem UNESCO Global Geopark Bergstraße-Odenwald. Ute Ritschel, Kuratorin im Verein für Internationale Waldkunst und maßgebliche Betreuerin des Darmstädter Waldkunstpfades, zeichnet auch für das Nomadic-Art-Project in Deutschland verantwortlich. Gemeinsam mit dem in Altheim wohnenden Künstler Roger Rigorth, Technischer Leiter im Waldkunst-Zentrum in Darmstadt, und weiteren Mitarbeitern wurde ein großes Programm für die teilnehmenden Künstler erarbeitet.

Sitzend machten die meisten der globalen Kunst-Nomaden zunächst Bekanntschaft mit dem Naturschutzgebiet Auf dem Sand. Roger Rigorth und Matthias Kisling (von rechts) erläuterten den Gästen die Entstehungsgeschichte der Reservats.

Samstagvormittag war zunächst kurz der Otzberg Ziel eines Kreativ-Ausflugs. Ritschel und Rigorth zeigten an einem Ort, an dem noch vor wenigen Jahren illegal errichtete Kleingartenanlagen standen, auf, wie schnell sich die Natur ihr geraubtes Areal wieder einverleibt.
Auf dem Sand bei Altheim angekommen, wurden die globalen Künstler von Matthias Kisling vom Naturschutzbund begrüßt. Er ging kurz auf die Historie des Naturschutzgebietes ein, berichteten über den Ist-Zustand und informierte sich seinerseits über die Eindrücke der weit gereisten Gäste, bevor diese dann ausschwärmten, sich zu künstlerischem Wirken inspirieren zu lassen.

Ri Fung Woo und seine „Drachenfliege“, Libellen inspirierten den Südkoreaner zum vergänglichen Flechtkunstwerk.

Und da kam einiges Zustande. Ri Fung Woo etwa, praktizierender Kunstschaffender aus Südkorea, gab sich beeindruckt von der Weite des mitten im Rhein-Main-Gebiet liegenden Schutzgebietes. Er lebt in einer Großstadt 120 Kilometer westlich von Seoul, in der ein kleiner Park schon als großer Naturraum gilt. Schilfgräser zu einer „Dragonfly“ zu flechten war sein flüchtiges Kunstwerk. Die Libellen am Tümpel gefielen ihm.

Veronika Selingerová, Tschechin, die in Bratislava in der Slovakei lebt, beim Bauen und Vergehenlassen einer Acker-Düne.

Veronika Selingerová, Tschechin, die in Bratislava in der Slovakei lebt, fühlte sich von der Düne mit dem Aussichtposten des Nabu inspiriert. Die Keramikerin baute auf einem gerade erst abgeernteten Feld ihre eigene Düne. „Das ist alles sehr organisch. Noch während ich mit den Händen an ihr baue, verändert sich das bereits Geschaffene wieder durch Umwelteinflüsse. Die Düne bekommt ein Eigenleben.“

Imke Rust, Deutsch-Namibierin in der fünften Generation, fühlte sich sehr wohl Auf dem Sand, wenngleich es ihr etwas schwül war, denn in ihrer Heimat Namibia regiert die permanente Trockenheit. Sie nennt ihr schnell vergängliches Kunstwerk „Reet und Stock“. Beeindruckend war, wie sehr es, von ihr und der Inderin Gunjan Tyaji geschultert durchs Gelände getragen, mit der Landschaft Auf dem Sand zu verschmelzen schien.

Die Türkin Sehriban Köksal verschmolz ebenfalls schnell mit ihrer Umgebung. Obwohl sie bereits ein paar Jahre in Darmstadt lebt, hat sie solch eine Landschaft wie bei Altheim in ihrer Umgebung noch nicht gesehen. Sie sammelte große und sattgrüne Farne und Blätter, die in einer schlammig-ockerfarbenen Pfütze imposant kontrastierten.

Viele weitere Ausdrucksformen ließen sich beobachten. Genau so viele, wie künstlerische Individuen sich kreativ auslebten. Damit dies flüchtige Schaffen sich nicht ebenfalls zu schnell verflüchtigt, wird alles fotografisch und filmisch dokumentiert und später aufgearbeitet. Im Falle der Samstags-Kunstergüsse geschah dies am Abend nach einem ausgiebigen iranisch-arabischen Mahl in der Hofreite des ehemaligen Hessischen Hofs, heute Domizil des Künstlers Rigorth, im benachbarten Arthaus in Altheim. Dort spielte das Jazz-Soul-Latin Trio „Jam Set“, derweil per Beamer Bilder und Filmsequenzen vom Tag auf eine Leinwand geworfen wurden.

Pflanzen und Skulpturen: Zehn Künstlergärten in Europa

Viele spannende Geschichten zur Entstehung der Nomaden-Kunst machten die Runde. Auch Münsters Bürgermeister Gerald Frank lauschte der Musik und den Art-Nomaden. „So eine internationale Begegnung von Künstlern aus aller Welt in Altheim – das hätte sich vor zwei Jahren doch kein Mensch vorstellen können“, freute er sich über den Erfolg, den ein Haus verbuchen kann, das noch vor kurzem für ’n Appel und ’n Ei verkauft werden sollte und jetzt mit 200.000 Euro EU-Geldern bezuschusst wird.

Wer Interesse daran hat, mehr vom Wirken und Werken der Künstler-Nomaden zu erfahren, ist zur Vernissage von „Urban Nature Art“ im Internationalen Waldkunstzentrum am Samstag, 2. September, 15 Uhr, in Darmstadt, Ludwigshöhstraße 137, eingeladen.

Quelle: op-online.de

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