Schürhaken und Rasierer

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Heute und damals: Karl Waldmann schaffte den Sprung zu Kickers Offenbach und spielte 1959 sogar um die Deutsche Fußballmeisterschaft in Berlin mit.

Münster - Vor genau 60 Jahren wird die beste Jugendmannschaft des SV 1919 Münster Bezirksmeister. Im Spiel um die Südhessenmeisterschaft treten sie gegen Kickers Offenbach an und spätere Profispieler wie Hermann Nuber und Berti Kraus. Von Michael Just

„Münster, deine Fußballhelden“ – fällt dieser Satz, denkt man zuerst an mögliche Erfolge, die die derzeitigen Kicker mit den beiden Fußballvereinen der Gemeinde errungen haben könnten. Doch hier zeigen sich die Ergebnisse eher bescheiden. Erst recht, wenn man diese mit einst und jetzt vergleicht.

Einen der größten Triumphe gab es vor genau 60 Jahren zu feiern: Damals siegte die beste Jugendmannschaft in der Vereinsgeschichte des SV 1919 Münster bei der Bezirksmeisterschaft. Und beim folgenden Spiel in Wiesbaden um die Südhessenmeisterschaft gegen Kickers Offenbach, mit späteren Profispielern wie Hermann Nuber und Berti Kraus, waren sie nur mit Pech 1:4 unterlegen.

Vor wenigen Tagen kamen die Münsterer Recken und Ballartisten von einst im Sommerbiergarten des SVM zusammen, um in alten Zeiten zu schwelgen. Die Idee zu dem Treffen hatten die ehemaligen Spieler Karl Hausmann und Helmut Kreher.

Die A-Jugend des SVM vor 60 Jahren. Sie wurden Bezirksmeister und waren beim darauffolgenden Spiel in Wiesbaden um die Südhessenmeisterschaft gegen Kickers Offenbach nur mit Pech unterlegen.

Nachdem sie sich zum ersten Mal im Jahr 2010 wiedersahen, stand nun die zweite Neuauflage für die große Reise in die Vergangenheit an. Besonders war an dem Treffen, dass in der Runde der Männer, die in zwei Jahren ihren 80. Geburtstag feiern, auch der damalige Trainer Bruno Ries zugegen war. Das ist möglich, weil der Studienrat im Ruhestand gar nicht soviel älter ist als seine ehemaligen Schützlinge. „Trotzdem siezen mich einige aus Respekt heute immer noch“, sagt der 82-Jährige und lacht.

Vorstand als Jugendleiter und A-Jugendtrainer

 Ries war nur wenige Jahre nach Kriegsende mit Blick auf die brachliegende Jugendabteilung in den Vorstand als Jugendleiter und als A-Jugendtrainer gewählt worden. Die Verantwortung auf seine Schultern zu legen, war die wohl beste Entscheidung: In unvergleichlichen Serien ging es bei allen Jugendmannschaften in der Folge von Sieg zu Sieg und zu diversen Kreismeisterschaften.

Am erfolgreichsten war die A-Jugend. Mit ihren Stammkräften Gerhard Beck, Alfred Braun, Karl Christ, Heinz Giegerich, Karl Hausmann, den Brüdern Alfred, Helmut und Karl Kreher, Karl Östreicher, Heinz Roßkopf, Karl Waldmann sowie den Geschwistern Friedel und Karl Witzel machten sie mit ihrem ausgezeichneten Spiel jedem Beobachter viel Freude. Technisch versiert und mit beinharten Verteidigern, die auch mal den Beinamen „Schürhaken“ oder „Rasierer“ trugen, zeigten sie ihren Gegnern die Grenzen auf. Mehrere Spieler aus diesem erfolgreichen Team spielten später in der ersten Mannschaft des SVM und erkämpften den Aufstieg in die zweithöchste hessische Amateurliga – dort spielten sie mit Eintracht Frankfurt II, Kickers Offenbach II, Viktoria Aschaffenburg oder Opel Rüsselsheim.

Am weitesten brachte es Karl Waldmann

Am weitesten von allen Münsterer Nachwuchsspielern brachte es Karl Waldmann: Er schaffte es in den Kader von Kickers Offenbach. 1959 stand er im Berliner Olympiastadion vor 75 000 Zuschauern auf dem Platz, als die Kickers gegen Eintracht Frankfurt zur Deutschen Meisterschaft antraten und in einem historischen Spiel mit 3:5 verloren.

Dass Münster solche berühmten Fußballsöhne hat, wissen heute nur noch ein paar Ältere – und die, die dabei waren. „Wir waren damals führend im hessischen Jugendfußball. Die besten Teams stellten Offenbach, Borussia Fulda und wir“, erinnert sich Trainer Bruno Ries, der wie fast alle seine Spieler immer noch in Münster lebt.

Mit einem Holzvergaser auf einer Lkw-Pritsche und darauf aufgestellten Bänken düsten sie zu den Spielen. „Wenn die Polizei in der Nähe war, haben wir uns immer geduckt oder hingelegt. Die hätte uns bei dieser Form des Personentransports selbst zu jener Zeit sofort angehalten“, berichtet der Trainer.

In Zukunft wollen sich die erfolgreichen Kicker von anno dazumal jährlich einmal treffen. Auch, weil fünf ehemalige Mitspieler bereits gestorben sind.

„Frag mal den Karl“

Ein ganz wichtiger Mann bei den Treffen ist Karl Hausmann. In dem Kreis gibt es keinen, der sich so genau erinnern kann an Spielverläufe, Ergebnisse, Torschützen oder das Wetter wie er. Im Zweifelsfall heißt es stets „frag mal den Karl“. Das ist Vorteil und Nachteil zugleich, wie Helmut Kreher schmunzelnd offenbart: „Heute wissen die meisten von uns nur noch, dass wir überragende Fußballer waren. Alles andere müssen wir ihm glauben – ob wir wollen oder nicht.“

Diese Abhängigkeit ist aber zweitrangig, wie das Treffen jüngst bewies. Da kamen zehn Männer zusammen, die begeistert in Erinnerungen schwelgten und 60 Jahre alte Zeitungsausschnitte und Schwarz-Weiß-Fotos betrachteten. Karl Waldmann hatte sogar eine Autogrammkarte von sich dabei, als er vor 50 Jahren zur Spitzenklasse des deutschen Fußballs gehörte und um die Deutsche Meisterschaft mitspielte. Nicht nur bei ihm treffen die Worte von Alt-Trainer Bruno Ries doppelt zu: „Viele zehren noch heute von dem was damals geschah.“

Quelle: op-online.de

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