Kampf für Gleichstellung der Frau

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Hülya Lehr will in keine Schublade gesteckt werden. Hier posiert sie in ihrem Haus vor Tara, Schutzpatronin der Tibeter, gleichzeitig Göttin für Buddhisten wie Hindus. Hülya Lehr selbst ist gläubige Muslimin.

Münster - Wollte man sie in eine Schublade stecken, klänge das so: Hülya Lehr, 46, Deutsch-Türkin, Bankkauffrau. Von Jens Dörr

Vom Schubladendenken hält die Frau aus Münster allerdings wenig: „Das führt dann zu Aussagen wie Türke ist gleich Moslem und Moslem ist gleich Araber“, weiß sie aus Erfahrung. In ihren Augen totaler Käse, solche Pauschalurteile. Die werden schließlich schnell zu Vorurteilen. „Und die führen bis zum Rassismus“, bedauert Lehr. Traurigerweise besonders zu solchem, der in der Mitte der Gesellschaft und nicht am unbelehrbaren extremistischen Rand entsteht.

In dieser und vielerlei Hinsicht lautet Lehrs Lösungsansatz: Probleme offen ansprechen, ungeschminkt auf den Tisch bringen, aufklären, etwas dagegen tun. Die alleinerziehende Mutter zweier Kinder – fast klingt auch das schon wieder wie eine Schublade, dient hier dennoch dem Informationsgehalt – appelliert indessen nicht in erster Linie, sie packt vielmehr an: Die 46-Jährige, die vor sieben Jahren von Münster in Westfalen nach Münster an der Gersprenz zog, engagiert sich bei der Münsterer SPD, im Ausländerbeirat Münster (Vorsitzende), im Kreisausländerbeirat, im Landesausländerbeirat, in der Frauenkommission des Landkreises und in der Themenwerkstatt Integration des SPD-Unterbezirks Darmstadt-Dieburg.

Politisches Interesse

Es sei hauptsächlich ihr Großvater gewesen, der – damals noch in der Türkei – ihr politisches Interesse sowie das Gespür für die Bedeutung bürgerschaftlichen Engagements geweckt habe, blickt Lehr zurück. „In Bursa herrschten Ende der 70er bürgerkriegsähnliche Zustände, es war eine traumatische Zeit mit einem Militärputsch. Das hat mich sehr stark geprägt.“ Schon in der Kindheit pendelte Lehr ständig zwischen der Türkei und Deutschland, wo sie schließlich Sprachbarrieren überwand, aufs Gymnasium ging und studierte. Heute ist Münster ihre Heimat und sowohl Deutschland als auch die Türkei gottlob weit weg von allzu bedrohlichen politischen Unruhen.

Was bei Hülya Lehr blieb, ist der Einsatz für andere. „Für Schwächere“, wie sie präzisiert - in der deutschen Gesellschaft etwa Kinder und Migranten. Doch Lehr geht noch weiter: „Trotz Kanzlerin haben wir in Deutschland eine männliche Dominanz. Frauen erhalten weniger Lohn bei gleicher Arbeit, sind in der Kommunalpolitik seltener vertreten.“ In der SPD hat sie ihre politische Heimat gefunden, für Kinder-, Migranten- und Frauenrechte zu kämpfen. Die in ihren Augen noch nicht erreichte Gleichstellung der Frau in Deutschland habe im Übrigen nichts mit Migrationshintergrund zu tun. Sie betreffe deutsche Frauen wie Migrantinnen.

Vier frauen- und mädchenspezifische Themen

Vier frauen- und mädchenspezifische Themen („Frauenrechte sind auch Mädchenrechte“) liegen der Sozialdemokratin besonders am Herzen.

Über Genitalverstümmelung – mitten in der Bundesrepublik mittels eingeflogener „Ärzte“ – spricht sie ebenso klar und offen wie über die in der Bundesrepublik verbotene Kinderhochzeit, die dennoch weiterhin Menschen in ihren Herkunftsländern erleben müssen. Beim Kindesmissbrauch gelte es, „Prävention zu verstärken, Anlaufstellen bekannter zu machen und Eltern besser zu unterstützen“. Zudem müsse die Berufstätigkeit für Mütter in Deutschland erleichtert werden. Sie selbst, die sich nach der Schließung ihres Geschäfts „Darmadi Arts“ beruflich aktuell neu orientiert und derzeit halbtags arbeitet, könnte mit einer Vollzeitstelle kaum ihr politisches Engagement aufrecht erhalten, meint sie. Und ohne ihr Kindermädchen sei sie auch jetzt schon „vom Recht auf politische Teilhabe ausgeschlossen“.

Dem heutigen Weltfrauentag misst Hülya Lehr großen Wert bei: „Es ist gut, dass es ihn gibt. So kommt wenigstens an einem Tag im Jahr zur Sprache, was in Deutschland sonst gerne unter den Teppich gekehrt wird.“ Den Vorschlag, den Weltfrauentag in der Bundesrepublik sogar als Feiertag einzuführen, hält sie außerdem für eine Überlegung wert.

Quelle: op-online.de

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