Interview: Seit einem Jahr ist Joachim Schledt Bürgermeister in Münster

„Münster und ich – das passt super!“

Drei Radler-Trikots hängen im Büro von Joachim Schledt. Den Weg zwischen seinem Wohnort Darmstadt und seinem Heimatort Münster absolviert er inzwischen häufig mit dem E-Bike.
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Drei Radler-Trikots hängen im Büro von Joachim Schledt. Den Weg zwischen seinem Wohnort Darmstadt und seinem Heimatort Münster absolviert er inzwischen häufig mit dem E-Bike.

Im Oktober 2020 trat Joachim Schledt seinen Dienst als Bürgermeister von Münster an – knapp fünf Monate nach der Direktwahl, die der parteilose, von der CDU unterstützte Bewerber gegen Amtsinhaber Gerald Frank (SPD) gewonnen hatte.

Münster – Seit nunmehr einem Jahr ist Schledt Verwaltungschef der 14 000-Einwohner-Kommune. Ein Jahr, in dem ihn der Corona-Hotspot Breitefeld gleich ins kalte Wasser schmiss und den 53-Jährigen (trotz geschlossenen Hallenbads) schnell zum Schwimmen zwang. Wie er die neue Aufgabe erlebt, was er im Rathaus vorhat und was der DJK-Protokoller an der nächsten Fastnachtssitzung über ihn sagen soll, erzählt Schledt im Interview.

Herr Schledt, am 5. Oktober 2020 traten Sie Ihren Dienst als Münsterer Bürgermeister an. Ein paar Tage später sorgten osteuropäische Arbeiter im „Apart Hotel“ in Breitefeld für 35 Corona-Fälle und kreisweite Aufmerksamkeit. Ein harter Start?
Rückblickend war es nicht so dramatisch. Das Unternehmen, bei dem die Arbeiter angestellt waren, hat gut mit uns kooperiert. Und ich habe das Gesundheitsamt Darmstadt als hochprofessionell erlebt.
Eine professionelle Arbeitsweise attestieren Sie regelmäßig auch Ihrer Gemeindeverwaltung.
Ja, ich erlebe, wie begeistert und engagiert die Mitarbeiter sind. Das nicht so gute Image der öffentlichen Verwaltung ist hier unberechtigt. Das hat auch dazu beigetragen, dass ich die Mechanismen im Rathaus schon nach vier Wochen verstanden hatte. Ich hätte nicht gedacht, dass das so schnell und gut funktioniert.
Mit welchen Attributen würden Sie Ihren Bürgermeister-Job in erster Linie beschreiben?
Die Aufgabe ist herausfordernd, weil sehr vielfältig. Ich arbeite aber gern. Münster und ich – das passt super zusammen! Da haben sich zwei gefunden, die zusammengehören. Die Stimmung ist gut, es herrscht eine gemeinsame Schaffenskraft.
Sie wohnen – wie im Wahlkampf angekündigt – weiter in Darmstadt. Manchmal doch ein Problem?
Für mich ist das kein Thema, und ich glaube, für die anderen auch nicht. Insgesamt haben sich meine Arbeitszeiten im Vergleich mit meiner früheren Personaler-Tätigkeit bei Alnatura natürlich ein bisschen verschoben. Das musste sich zwischen meinen repräsentativen Terminen und der Familie erst mal einspielen. Mit Blick aufs Rathaus arbeite ich sowieso daran, den Kollegen mehr Homeoffice zu ermöglichen. In bestimmten Abteilungen geht das.
Mit Corona endete für die Münsterer die Gewohnheit, bestimmte Ämter während der Öffnungszeiten auch ohne Termin besuchen zu können. Kehren die alten Verhältnisse bald zurück?
Nein. Wir werden beibehalten, dass man nur noch mit Termin zu uns kommen kann. Auf diese Weise haben wir die Wartezeiten abgeschafft, es gibt keine Schlangen mehr. In den nächsten Wochen werden wir die Terminbuchung per Internet einführen. Wenn man nur in unser Foyer kommt, um beispielsweise gelbe Säcke zu holen, muss man natürlich weder online noch telefonisch einen Termin ausmachen. Der Empfang ist besetzt.
Wie steht es insgesamt um die Digitalisierung Ihrer Verwaltung?
Da haben wir noch Nachholbedarf. Es gibt nach dem Online-Zugangsgesetz bestimmte Leistungen, die wir künftig digital erbringen müssen. Bei noch keiner ist das bisher der Fall. Das werden wir aber Dienstleistung für Dienstleistung umsetzen.
Weiter sind Sie schon bei der Konsolidierung der Gemeindefinanzen, einem Ihrer Kernanliegen ...
Die finanziellen Rahmenbedingungen sind das Fundament. Glück gehört dazu, wie bei den hohen Gewerbesteuer-Nachzahlungen 2020. Drei, vier Mitarbeiter sind aus Altersgründen ausgeschieden, ihre Stellen haben wir nicht nachbesetzt und die Aufgaben auf andere Mitarbeiter verteilt. Bei den Investitionen fokussieren wir uns auf das Wesentliche und Machbare.
Angesichts vieler Bürgerwünsche manchmal sicher schwer ...
Ich habe ein bisschen unterschätzt, dass die Bürger Veränderungen im Ort wahrnehmen wollen. Beispiele sind das Friedhofstor und die Grünanlagen, die für viele in Münster ein Gesprächsthema sind. Doch auch die Dinge, die abstrakter sind – etwa die Vorbereitungen für die Entwicklung des Frankenbach-Geländes in den nächsten Jahren – kosten Stunden, Tage, ja Wochen. Das sieht und merkt man heute aber außerhalb des Rathauses noch nicht.
Stichwort Frankenbach-Gelände: Dass es nach Beschluss von CDU und FDP nun zum reinen Gewerbegebiet wird, statt dort wie von SPD, ALMA und Ihrem Amtsvorgänger favorisiert auch Wohnraum zu schaffen, ist nur eins von mehreren Projekten, wo sich Ihre Positionen und die der neuen Gemeindevertreter-Mehrheit gleichen. Haben die neuen Verhältnisse nach der Kommunalwahl Ihren Job erleichtert?
Natürlich sind die Überschneidungen mit den Positionen von CDU und FDP augenscheinlich. Ich rede aber mit allen Parteien, wenn auch unterschiedlich häufig. Es ist gut, parteilos geblieben zu sein. Positiv finde ich, dass der Umgang der Fraktionen in der Gemeindevertretung besser geworden ist. Und ein bisschen Streit gehört dazu.
Welche Schattenseiten Ihrer Bürgermeister-Tätigkeit haben Sie schon kennengelernt?
Noch keine.
Auch nicht durch die teils aufgeheizte Stimmung in der Corona-Zeit?#
Zwar hatten wir in dieser Phase mehr Vandalismus und Vermüllung im Ort – das ist aber ein allgemeines Phänomen. Ich persönlich hatte durch die coronabedingte Reduzierung der Termine mehr Zeit für die Umstrukturierung der internen Verwaltung.
Die DJK Blau-Weiß veranstaltet nächstes Jahr wieder Fastnachtssitzungen. Protokoller Jörn Müller nimmt dort gern auch den Rathauschef aufs Korn. Was würden Sie, der die DJK-Sitzungen lange moderiert hat, bei der Premiere am 5. Februar gern über sich hören?
Dass Bürgermeister in Münster nur über die DJK geht. (lacht) Natürlich würde ich mich freuen, wenn ich höre, dass man froh und dankbar ist, dass ich Bürgermeister bin. Vielleicht greift der Protokoller ja sogar meinen Wahlkampf-Slogan auf: „Einer von uns. Einer für uns.“ (Jens Dörr)

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