Jugend zur Freveltat verleitet?

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Ruhe und Kraft soll Buddhas Antlitz dem Betrachter vermitteln. Dieser Kopf wurde indes jüngst Opfer gewalttätiger Aggression.

Münster ‐ Jetzt kommen auch noch Sprungmesser, Schlagstöcke, Hockeyschläger und Notfallhammer zum Einsatz: Wo bereits vor einem Jahr Buddha-Köpfe rollten und Gebetsfahnen brannten (OP vom 16. März 2010), soll keine Ruhe einkehren.  Von Thomas Meier

Dem erneuten Übergriff und der weiteren Zerstörung einer religiösen Statue am Rathausplatz in der vergangenen Woche (OP vom 27. Januar: „Buddha geköpft“) folgten am Wochenende erneute Freveltaten, die wiederum einen Polizeieinsatz und die Sicherstellung mehrerer verbotener Waffen, die bei Jugendlichen festgestellt worden waren, auslöste. Die Ereignisse am sonst als so verwaist beklagten Rathausplatz überschlagen sich.

Hülya Lehr, als Geschäftsfrau seit vier Jahren mit „Darmadi Arts“ in der Leibnizstraße 11 am Rathausplatz präsent, ist wahrlich ein gebranntes Kind. So optimistisch die frisch gewählte Ausländerbeirätin auch stets ins Leben blickt, so sehr kämpft sie derzeit mit den Tränen. Vor Wut, vor Ohnmacht, vor Hilflosigkeit angesichts der dummen, sinnlosen Taten vor ihrer Geschäftstür.

Verdächtige am Bahnhof entdeckt

Jüngste Zerstörungswut ließ eine Buddha-Staue vor Darmadi Arts am Rathausplatz kopflos werden. Hinter neu aufgehängten Gebetsfahnen errichtete Hülya Lehr mit einem kleinen Buddha eine Gedenkstätte.

Vor einem Jahr hängte die 45-jährige Türkin, die seit 28 Jahren in Deutschland lebt und vor sechs Jahren nach Münster zog, zum Gedenktag der Aufstände von 1959 in Tibet eine Gebetsfahne vor ihrem Geschäft für fernöstliche Kleinkunst und Wohneinrichtung auf. Buddhistische Gebete auf Sanskrit und Mantras waren auf den bunten Stoffstreifen abgebildet, doch loderten Nachts diese Friedensbotschaften über dem zertrümmerten Beton-Buddha, der vor dem Laden der gelernten Bankkauffrau stand. Schon vor einem Jahr war es nicht der materiell entstandene Schaden, der sie erschütterte, schon damals war es die Angst vor den „deutlichen Zeichen von Rassismus“, die sie ergriff.

Und nach der erneuten Attacke auf eine Buddha-Statue vergangene Woche sollte in der Nacht zum Samstag ihr Geschäft einen Anschlag erfahren. „Ich habe erst am Samstagmorgen um 9 Uhr mitbekommen, dass eines der großen Schaufenster zerbrochen worden war“, berichtet Hülya Lehr. Zwischenzeitlich weiß sie, dass allein die Scheibe ohne Einbau mit 2000 Euro zu Buche schlägt, den Wert der beschädigten und somit unverkäuflichen Waren aus dem Schaufenster beziffert sie mit mindestens 3000 Euro.

Kurz nachdem Lehr Anzeige bei der Polizei wegen der nächtlichen Sachbeschädigung erstattet und Beamte den Schaden auch aufgenommen hatten, erfuhr die Geschäftsfrau von Zeugen, dass sich der Übergriff wohl so gegen 1.30 Uhr in der Nacht habe ereignen müssen. Am nahe gelegenen Bahnhof hätten zum wiederholten Male Jugendliche randaliert. Schon mehrfach, so Lehr, hätten sich wegen solcher Zustände dort die Anwohner bei ihr aber auch bei der Verwaltung und der Polizei gemeldet.

Und als am Samstagmittag ein Teil der etwa zehn- bis zwölfköpfigen Bande sich wieder am Bahnhof habe blicken lassen, habe man umgehend die Polizei herbei gerufen.

Die kam 15 Minuten nach dem Hinweis auch angerückt. „Die kleineren Jungs, so zehnjährige Steppke, flitzten gleich weg“, sagen Beobachter des Polizeieinsatzes, der dennoch einiges zutage brachte: „Sie glauben nicht, was die Polizisten dabei alles entdeckt haben!“

Messer und Knüppel beschlagnahmt

Bei dem halben Dutzend Jugendlicher seien Klapp- und Sprungmesser („Einige hatten gleich zwei Stück dabei!“), ein Hockeyschläger, Metallknüppel und ein wohl aus einem Omnibus stammender Notfallhammer gefunden „und konfisziert“ worden, wie die Augenzeugen berichten. Was die Beobachter mit Verwunderung quittierten: „Da haben die Polizisten das alles gefunden, ließen die Jugendlichen bis auf einen jedoch gleich wieder abziehen“. Nur einen, den wohl ältesten der Gruppe, hätten sie zur Identifizierung mitgenommen, „der hatte wohl keinen Ausweis dabei.“

Die Polizeipressestelle in Darmstadt bestätigt die Vorfälle, auch, dass „Messer und Knüppel beschlagnahmt wurden.“ Man habe überprüft, ob die Jugendlichen für die nächtliche Sachbeschädigung verantwortlich seien, so der Polizeisprecher, doch sei dies „nach ersten Erkenntnissen eher unwahrscheinlich“. Es habe sich kein zwingender Tatverdacht ergeben, jedoch seien die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen.

„Das sind doch arme Kerlchen“

Nun, abgeschlossen hat Hülya Lehr (fast) mit ihrem Geschäftsfrauendasein am Rathausplatz, da sie ihren Laden aus persönlichen Gründen aufgibt (wir berichteten). Sie hatte sich ihren Abschied sicher anders vorgestellt.

Aber: Hülya Lehr geht nicht im Zorn. Sie fühle sich vielmehr „unendlich traurig“, bekennt sie. Sie fühle auch keine Wut auf die Jugendlichen, vielmehr großes Mitleid: „Das sind doch selbst ganz arme Kerlchen. Ohne Orientierung und bestimmt fehlgeleitet in ihrem Tun.“ Hülya Lehrs schlimmer Verdacht: „Da hat doch jemand ausländerfeindliches Handeln vorsätzlich angestiftet.“

Bleibt für alle zu hoffen, dass der Fall aufgeklärt wird und wieder Ruhe am sonst ja auch so stillen Platz einkehrt.

Quelle: op-online.de

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