Deutscher als deutsch

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Seit über 40 Jahren in Deutschland: Der türkische Kabarettist Sinasi Dikmen findet, dass er mehr assimiliert als integriert ist.

Münster - „Ich bin mehr assimiliert als integriert. In einigen Dingen bin ich mehr deutsch als deutsch“, sagt Sinasi Dikmen. Von Ellen Jöckel

Vor 40 Jahren ist der Kabarettist aus einem kleinen moslemischen Dorf in der Türkei nach Deutschland gekommen und seit 1985 steht er auf deutschen Bühnen. Er war zu Gast bei der Satire-Sendung „Scheibenwischer“ und gründete als erster deutschsprachiger Kabarettist aus der Türkei ein eigenes Kabarett mit dem Namen „Knobi-Bonbon“.

Der SPD-Ortsverein Münster hat dafür gesorgt, dass Dikmen auch in der Kulturhalle das Münsterer Publikum mit satirisch-bissigen Formulierungen über die Deutschen und die eigenen Landsleute „zum gemütlichen Nachdenken und zur humorvollen Teilhabe“ einlud, wie es in der Ankündigung hieß. Neben der Vorsitzenden des Kreistages Darmstadt-Dieburg, Dagmar Wucherpfennig, war auch Bundestagsabgeordnete Brigitte Zypries gekommen.

„Integriert und intrigiert“

Schon der Titel des abendfüllenden Programms verriet Dikmens Vorliebe zur Assoziation: „Integriert und intrigiert“. Mit Wortspielen wie diesem jonglierte Sinasi Dikmen gekonnt mit der deutschen Sprache und führte den Besuchern als nüchterner Langzeit-Beobachter unverblümt das „deutsche Wesen“ vor Auge. Er selbst habe, als er nach Deutschland kam, den Wunsch gehabt, die deutsche Eigenart kennenzulernen: „Wer das deutsche Wesen im Detail studieren will, muss sich nur das deutsche Gesundheitssystem ansehen“, riet Dikmen, der vor seiner Kabarettkarriere als Krankenpfleger gearbeitet hat. Die meisten Krankheiten existierten entgegen der weitläufigen Annahme nicht in den armen Ländern, sondern in Deutschland. So sei zum Beispiel die Krankheit Grippe unterteilt in zahlreiche Krankheiten von der virulenten Mittelohr-Schleimhautverhärtung bis zur bakteriellen Nebenhöhlenvereiterung. Für diese verschiedenen Bezeichnungen hätte „der Osmane noch nicht mal genügend Vokale“, so Dikmen. Deutschland sei ein reiches Land an Vokalen und Umlauten. Das merke man auch an den Berufsbezeichnungen.

Anekdoten aus seinem Tagebuch

Reich an Erkenntnissen werde ein Ausländer in Deutschland, wenn er sich die Fernsehsendung „Was bin ich“ ansehen würde. Einst von Robert Lembke moderiert, geht es darin um das Erraten von Berufen. „Stellvertretender Außendienstmitarbeiter in der Fleckvieheuterprüfstelle – auf so einen Beruf muss man erst einmal kommen. Deutsche überlassen nichts dem Zufall – auch nicht den Euter einer Kuh“, scherzte Dikmen und erntete viele Lacher.

Das Lachen im Halse blieb dann aber stecken, als der Kabarettist Anekdoten aus seinem Tagebuch vorlas, das er während einer Bühnen-Tour verfasst hatte. Nach seinen Auftritten musste sich der Sprachkünstler immer wieder mit grenzwertigen Reaktionen auseinandersetzen: Einmal sei er gefragt worden, ob er seine Verträge richtig unterzeichne oder ein Kreuz mache. „Ein Kreuz als Moslem?“, konterte Dikmen humorvoll. Aber ein wenig gekränkt sei er schon gewesen. Nicht aber Thilo Sarrazin. Nicht einmal, wenn man ihn als Rassist bezeichne: „Er ist gerne Rassist. Das ist der Unterschied“, kommentierte der Kabarettist scharf. Dikmen nimmt aber auch kein Blatt vor den Mund, wenn er über Prominente mit Migrationshintergrund spricht: Abschreckende Beispiele für scheinbare Integration seien für ihn der Fußballer Mesut Özil, der zu „Allah für den deutschen Sieg bete“ oder der Rapper Bushido mit seiner „Fäkalsprache“.

„Wir sind keine Knetmasse, die man beliebig formen kann“

„Für mich ist Sinasi Dikmen immer ein Vorbild gewesen. Welcher Deutsche kann sich so glänzend ausdrücken“, sagte Hülya Lehr, SPD-Fraktionsmitglied und Vorsitzende des Ausländerbeirats in Münster. „Er ist ein Beispiel dafür, dass sich Menschen mit Migrationshintergrund durchaus in die Gesellschaft eingliedern können. Die Intention, Dikmen einzuladen war auch, um deutlich zu machen: Schaut her, wir sind nicht anders als ihr“, führte die Deutsche türkischer Abstammung aus. Dabei möchte sie, wie es auch Dikmen in seinen Auftritten andeutet, weg von den Begriffen „Integration und Migration“: „Integration wird von vielen als schmerzhaft empfunden. Wir sind keine Knetmasse, die man beliebig formen kann.“

Quelle: op-online.de

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