Mit Kakao und Bohnensuppe

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Aus der ganzen Umgebung und sogar aus Weinheim strömen Besucher ins Museum an der Gersprenz, um eine Reise in die alte Münsterer Schulzeit zu machen.

Münster - „Die Schulzeit mit ihren positiven wie negativen Erlebnissen gehört fest zur Biografie jedes Menschen, die ihm das ganze Leben unvergessen bleiben“, erzählt der Vorsitzende des Münsterer Heimat- und Geschichtsvereins Kai Herd. Von Michael Just

So hat die Arbeitsgruppe „20. Jahrhundert“ eine besondere Ausstellung konzipiert: Seit Februar wird im Museum an der Gersprenz die Münsterer Schulzeit vor, während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wieder lebendig.

Im August bleibt die Ausstellung wegen der Schulferien geschlossen – die letzte Chance für eine Zeitreise in die alte Münsterer Schulzeit ist am Sonntag, 6. September.

Dafür wurden mit viel Mühe Archive gewälzt sowie ganze Dachstühle nach alten Aufnahmen und Überbleibseln durchsucht. Neben vielen Klassenfotos gehören auch alte Sitzbänke, Tafeln, Ranzen oder Griffel zum Fundus. Nur am jeweils ersten Sonntag im Monat ist die Ausstellung zugänglich. Beim jüngsten Öffnungstermin war der Ansturm besonders groß. Vor allem die reiferen Jahrgänge des Ortes versammelten sich, um sich oder Freunde auf den einstigen Klassenfotos zu entdecken.

1939, das ist mein Jahrgang. Ich stehe hier“, sagt Katharina Fäth (70) und deutet auf ein junges Mädchen mit Zöpfen. „1945 wurde ich eingeschult, das Bild müsste ’46 oder ’47 gemacht worden sein“, ergänzt sie gerührt und erzählt von Rektor Stumm, der auch auf dem Schwarz-Weiß-Foto zu finden ist: „Das war ein besonders beliebter und guter Pädagoge. Bei ihm haben wir nicht nur viel gelernt, sondern, weil er Organist war, auch gesungen.

Reine Mädchen- und Bubenklassen

Helma Müller (74), die die Ausstellung mitkonzipiert hat, verweist auf die Schürzen, die damals alle Mädchen getragen haben: „Waren die montags nicht gewaschen, wurden wir wieder heimgeschickt.“ Beim Anblick der Fotos fällt auf, dass die Schüler in reine Mädchen- und Bubenklassen eingeteilt waren. Auch deren Größe springt ins Auge: „Zeitweise waren wir 56 Kinder in einer Klasse“, blickt Fäth zurück. Trotzdem habe man viel gelernt, sagt sie.

Dabei deutet sie auf die alten Schulbänke, die mit beweglichen Sitzflächen zum Hochklappen und einem Loch für das Tintenfässchen die Ausstellung zieren. „Da würde sich heute keiner mehr draufsetzen“, schmunzelt die Altheimerin. In guter Erinnerung sind ihr die Schreibgriffel geblieben, und dass man sich schon damals zu helfen wusste: „Wenn die zu kurz waren, hat man einfach einen Federkeil von der Gans drangemacht.“

Dass die Zeiten auf der alten Schlageter-Schule gegenüber der katholischen Kirche anders waren, hebt auch Helma Müller heraus: „Es gab noch mehr Disziplin. Bei Verfehlungen wurden die Schüler in die Ecke gestellt oder haben auf die Finger gekriegt.“ Auch wenn man insgesamt sehr brav gewesen sei, habe es trotzdem Streiche gegeben, erinnert sie sich: „Wir steckten die Zöpfe der Mädchen von der Vorderbank ins Tintenfass.“ Auch der Frosch in der Mappe des Lehrers blieb Katharina Fäth unvergessen. Sie kommt aus der in Münster bekannten Metzgerfamilie Frühwein.

Schulspeisungen nach dem Krieg

Das Stichwort Metzgerei lässt ihre Gedanken auf die Schulspeisungen kommen, die es nach dem Krieg noch gab. Da habe es Bohnensuppe gegeben, „oft auch Kakao mit Haferflocken drin“, erinnert sich Müller. Die oft wässrige Kakaolösung hat bei der späteren Buchhaltungs-Sekretärin dazu geführt, dass sie bis heute keinen Kakao mehr trinken kann. Wie Fäth heraushebt, waren viele Kinder nach dem Krieg unterernährt. Deswegen wurden sie gewogen – auch um zu entscheiden, wer die Schulspeisung erhält und wer nicht.

Denn nicht alle kamen in diesen Genuss: „Wer Landwirtschaft zuhause hatte oder bei dem geschlachtet wurde, bekam nichts“, weiß Fäth. Sie musste deshalb immer zugucken, wenn die anderen gegessen haben. Dass das einem Kind nicht leicht fällt, versteht sich von selbst: „Wie oft hätte ich gerne mitgegessen“, holt die Altheimerin eine unvergessene Anekdote vor 60 Jahren in die Gegenwart zurück.

Quelle: op-online.de

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