Bühnenreife Geburt

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Bunte Hunde mal in Gelb: Das Theaterfestival in Münster gefiel den Schülern bestens.

Münster/Altheim - Philosophie ist nichts für Kinder? Viel zu komplex und kompliziert für Heranwachsende? Von wegen: Mit Fragen wie „Wo komme ich her?“ und „Wohin gehe ich?“ beschäftigen sich Kinder ebenso wie Erwachsene. Von Ellen Jöckel

Das wissen auch die Macher des Frankfurter Kindertheaters „Grüne Soße“ und der „Stromer“ aus Darmstadt, die in ihrer ersten Koproduktion „Himmel und Meer“ an diese existenziellen Fragen anknüpfen, ohne Sechs- bis Zehnjährige dabei zu überfordern. Kindliches Gelächter aus den Mündern von Zweit- und Drittklässlern der Altheimer Regenbogenschule und der Dieburger Gutenbergschule war während der Aufführung beim Theaterfestival „Bunter Hund“ auf der Bühne der Münsterer Kulturhalle immer wieder zu hören. Zu komisch war es, als sich zwei Männer in feinen grauen Anzügen wiederholt balgend und schwitzend über den grau bedeckten Bühnenboden wälzten. Dabei hatten sich beide gerade erst kennengelernt und mussten feststellen, dass sie denselben Auftrag haben: zur gleichen Zeit auf die Welt zu kommen.

Das steht schwarz auf weiß auf ihrem Zettel. Dieses Rätsel scheint unlösbar. Es führt zu Streitereien und Sticheleien. Doch in ihren Fantasiereisen in die Berge oder ans Meer, bei denen sie über die hohen Gipfel fliegen oder tauchend die bunte Unterwasserwelt bestaunen, rückt das Problem in den Hintergrund. Kurz vor ihrer „Geburt“ erkennen die Männer, die sich so akrobatisch und agil wie zwei raufende Jungs bewegen: Des Rätsels Lösung ist, sie sind Brüder! Sigi Herold vom Theater Grüne Soße und Thomas Best von den Stromern spielen Emotionen, die den Kindern im Umgang miteinander allgegenwärtig sind. Prompt reagiert das junge Publikum im direkten Dialog mit den Schauspielern auf gleicher Ebene: Die Anzugträger machen hemmungslos Unordnung und rufen mit Unschuldsminen den kleinen Zuschauern zu: „Ihr seid sowas von schlecht erzogen!“ Die Antwort derer erfolgt sogleich: „Seid ihr selber!“

Mit neonblauen Lichteffekten an einer überdimensionalen Digitaluhr, die penetrant die Geburtskandidaten auf ihren heranrückenden Termin hinweist, gelingt es Bühnenbildner Detlef Köhler, der zum festen Kern der Grünen Soße gehört, die Aufmerk-samtkeit der Kinder immer wieder zurück zu holen. Licht und Musik bringen (Klang-) Farbe ins Geschehen, welches ansonsten schlicht in grau und weiß gehalten wird. „Wir, Grüne Soße und Stromer, arbeiten seit Jahrzehnten daran, professionelles, qualitativ hochwertiges Kindertheater zu produzieren“, betont Sigi Herold, der vor 30 Jahren das Soßen-Theater mitgegründet hat. Als Vorlage diente das italienische Stück „Data di Nascità“ (Geburtsdatum) von Susanna Baccari und Valeria Cavalli. Gemeinsam mit dem niederländischen Regisseur Sybrand van der Werf inszenierten sie das Stück weitgehend neu.

Auch für Max Petermann, Lehrer an der Regenbogenschule und Kulturberater des Landkreises, sollen die Stücke, die für das Theaterfestival Bunter Hund ausgesucht werden, nicht nur unterhaltend sein: „Wir möchten ästhetisch und schauspielerisch anspruchsvolles Theater aufs Land holen, welches thematisch Anknüpfungspunkte zum Beispiel an klassische Spielweisen der Kinder bietet.“ Neben „Himmel und Meer“ gab es zwei weitere Inszenierungen zu sehen: Schüler der Klassen vier bis sechs aus Regenbogen- und Aueschule bekamen am Dienstag das Stück „Heinrich der Fünfte“ vom Theater Grüne Soße dargeboten, der Kindergarten Im Rüssel aus Münster und Erstklässler aus Gutenberg- und Regenbogenschule schauten sich „elephant walk“ an, eine tierische Tanzchoreografie vom Frankfurter Theater Célestine Hennermann.

Insgesamt seien rund 400 Schüler zum Bunten Hund gekommen. Das sei eigentlich zu wenig, um das Festival finanziell zu stemmen mit einem Eintrittsgeld von fünf Euro pro Schüler, so Petermann. Die Resonanz von Seiten der Schulen und Kindergärten in der Umgebung sei leider rückläufig. Da reichten die Fördermittel von „Flux“, in dem der Bunte Hund eingebettet ist, nicht aus. „Flux“ ist ein ein großangelegtes Kooperationsprojekt der internationalen Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche (ASSITEJ), dem hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und dem Kultusministerium. Dennoch gibt Petermann nicht auf: „Vielleicht müssen wir nächstes Mal früher Werbung machen.“

Mehr Begeisterung war bei Drittklässlern aus Gutenberg- und Regenbogenschule zu erwarten. Denn sie durften an einer Theaterprojektwoche teilnehmen, die im Rahmen von „Flux“ lief. Da zeigten die Schüler den Theaterpädagogen von der Grünen Soße einmal, was an darstellerischer Kraft in ihnen steckt.

Quelle: op-online.de

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