Kinder reif fürs Leben und Lernen gemacht

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Sigrid Vollhardt inmitten ihrer Schützlinge.

Altheim ‐ Am 23. Juli hat die Erzieherin und stellvertretende Leiterin Sigrid Vollhardt nach 22 Jahren ihren letzten Arbeitstag im Evangelischen Kindergarten Altheim. Von Ellen Jöckel

Jedes Jahr um diese Zeit hat sie zahlreiche angehende Schulkinder verabschiedet und als symbolischen Akt im wahrsten Sinne des Wortes rausgeschmissen. Dieses Jahr wird die beliebte Pädagogin selbst auf diese Weise aus dem Kindergarten katapultiert und in den Ruhestand entlassen. Die gebürtige Altheimerin fing 1971 mit 21 Jahren zunächst als Aushilfe im Kindergarten an zu arbeiten, der zu dieser Zeit noch im Gustav-Schoeltzke-Haus untergebracht war. Bereits während ihrer Ausbildung als Erzieherin leitete Sigrid Vollhardt die „Grüne Gruppe“, eine der damals zwei vorhandenen Gruppen. Nach zehn Jahren legte sie eine Pause ein. Aber auch in diesen 16 Jahren blieb der Kontakt zum Kindergarten bestehen: Sigrid Vollhardt war Mitglied im Kirchenvorstand und Kindergartenausschuss. 1998 fing die Erzieherin im neuen Gebäude des Kindergartens in der Kärcherstraße 13 wieder an zu arbeiten. Im Jahr 2002 übernahm sie dann noch zusätzlich die Position als stellvertretende Leiterin. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Ulrike Kneisel leitet Sigrid Vollhardt die „Krokodilgruppe“ mit derzeit 23 Kindern, eine von vier Gruppen mit insgesamt rund 100 Kindern.

Interview

Wir haben mit der Erzieherin über ihre Zeit im Kindergarten Altheim gesprochen:

Frau Vollhardt, war Erzieherin, bzw. Kindergärtnerin, wie es damals noch hieß, immer schon Ihr Berufswunsch?

Ich wollte immer schon gerne mit Kindern arbeiten, zum Beispiel als Kinderarzthelferin. Erfahrung hatte ich schon als Älteste von fünf Kindern. Meine Eltern hatten in der Hauptstraße 11 einen Landwirtschaftsbetrieb. Da hatte ich schon früh die Aufgabe, für meine jüngeren Geschwister zu sorgen. Bei der Berufsberatung bekam ich als Heranwachsende dann aber nur die Antwort: Warum willst Du denn mit Kindern arbeiten - Kinder können Dir doch keine Antwort geben. Darüber war ich sehr erstaunt. Ich habe dann eine Ausbildung als Apothekenhelferin gemacht und ein Jahr in diesem Beruf gearbeitet. Durch mein Engagement in der Jungschar der Altheimer Kirchengemeinde und meinem guten Kontakt zum damaligen Pfarrer Helmut Walter wurde ich dann gefragt, ob ich im Kindergarten aushelfen könnte. Zu dieser Zeit herrschte dort Personalmangel. Für die zwei Gruppen waren zwei Erzieherinnen zuständig, von denen eine die Leiterin, Friedrun Typusch, war.

Was war im Vergleich zu heute im Kindergarten damals anders?

Zum einen waren die Räume im Gustav-Schoeltzke-Haus sehr große und hohe Schulsäle. Heute haben wir hier viele Funktionsecken und zwei Ebenen für verschiedene Tätigkeiten wie Basteln, Bauen, Kuscheln, Lesen, Essen und so weiter. Dann gab es Zeiten, da war es schwierig, die damals 50 vorhandenen Plätze zu besetzen. Altheim war noch sehr klein und ländlich geprägt. Zum Teil waren es die Einwohner noch nicht gewohnt, ihre Kinder in den Kindergarten zu bringen. Vor der Gründung des Altheimer Kindergartens 1966 blieb der Nachwuchs in der Familie und half mit. Ich war selbst auch nie ein Kindergartenkind.

Gab es für Sie besondere Erlebnisse in ihrer Zeit im Altheimer Kindergarten?

Zwei Mal habe ich mich dafür eingesetzt, dass der Ausschluss eines verhaltensauffälligen Kindes vom Kindergarten verhindert wurde. Ich habe den Eltern, die den Ausschluss forderten, vor Augen gehalten, wie sie sich fühlen würden, wenn es sich um ihr Kind handeln würde. Damit ist eine Kehrtwende eingetreten. Heute ist dieses Kind erwachsen, hat eine Ausbildung gemacht und eine Familie gegründet. Das freut mich sehr.

Worauf legen Sie bei Ihrer Arbeit besonderen Wert?

Eine gute Beziehung zu den Kindern ist die Grundlage einer gut funktionierenden Erziehungsarbeit. Wenn sich die Kleinen sicher aufgehoben fühlen in einer intakten Beziehung, dann sind sie reif für das Leben und Lernen.

Wie geht es jetzt für Sie nach ihrem letzten Arbeitstag im Kindergarten weiter?

Auch dank meiner wohnlichen Nähe werde ich mit dem Kindergarten in Kontakt bleiben. Ich habe noch keine konkreten Pläne für die Zukunft. Ich kann mir vorstellen, weiterhin mit Kindern zu arbeiten. Auf welcher Ebene ist noch ungewiss. Die Arbeit mit Kindern ist absolut bereichernd. Sie hält einen jung und beweglich. Aber ich habe noch andere Träume: Einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn zu fahren und einen Fallschirmsprung zu wagen. Den Sprung werde ich bestimmt bald realisieren.

Am morgigen Sonntag, 27. Juni, beginnt um 10.15 Uhr zu Ehren Sigrid Vollhardts ein Familiengottesdienst in der evangelischen Kirche in Altheim.

Quelle: op-online.de

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