Mit Kind die Familie aufnehmen

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Nicht Regen, sondern die bunte Kinderwelt sollte der Auftritt mit den Regenschirmen symbolisieren.

Münster - Der Eingang zum Familienzentrum St. Michael war am Samstag mit zwei großen, selbstgebastelten Schiffen aus Pappmaschee eingerahmt. Auf den Segeln tummelten sich in putziger Weise Plüsch- und Stofftiere. Von Michael Just

Das Willkommensschild ließ keinen Zweifel, dass es in der Kita etwas zu feiern galt. Und der Anlass war nicht gering: Es gibt den katholischen Kindergarten seit nunmehr 40 Jahren. Dafür hatte man auf dem eigenen Gelände unter dem Motto „Mit Gott auf großer Fahrt“ Festatmosphäre geschaffen: Neben den Grußworten warteten Lieder und Tänze, zahlreiche Spiel- und Unterhaltungsangebote, Kaffee, Kuchen und Gegrilltes. Eine interessante Dokumentation auf Stellwänden zeigte den Wandel vom Kindergarten zum Familienzentrum.

Das bunte Stelldichein ließen sich auch Bürgermeister Walter Blank sowie Pfarrer Bernhard Schüppke nicht entgehen. Um möglichem Regen vorzubeugen, hatten engagierte Eltern kurzfristig noch eine Arena in Form eines großen, zirkusähnlichen Zeltdachs errichtet. Ein großer Festgottesdienst zum Jubiläum fand bereits am Sonntag zuvor statt. „Dabei erlebten wir eine Messe, bei der die ganze Pfarrgemeide in unglaublicher Weise mitgefeiert hat“, erzählt Leiterin Marietta Geist eine Woche später immer noch begeistert. Was sich derzeit zum Jubliäum abspielt, und sich auch sonst in den letzten Jahren in der Gerhard-Hauptmann-Straße getan hat, erfüllt Geist mit Rührung. Das wurde im Rahmen ihrer Begrüßungsrede, zu der ein ausführlicher Rückblick gehörte, deutlich: Regelmäßig musste sie mal kurz inne- und Tränen der Rührung zurückhalten.

1973 wurde der katholische Kindergarten eröffnet, der sich vorher im Schwesternhaus der katholischen Gemeinde befand. In drei Gruppen waren rund 50 Kinder untergebracht. Zu Beginn und in den Folgejahren war es normal, dass dem Verteilungsschlüssel zufolge auf 25 Kinder nur eine Erzieherin kam. Das wäre heute undenkbar. 1990 wurde das erste Integrationskind aufgenommen. Heute gibt es vier Kinder, die mit ihrer Behinderung ohne große Unterschiede mit den Regelkindern in zwei der vier Gruppen eingebunden sind. Als wegweisend zeigte sich das Jahr 1999: Als berufstätige Väter und Mütter Ganztagsplätze brauchten, entstand die erste Gruppe mit 13 Ganztagskindern. 2001 reichte eine solche Gruppe bereits nicht mehr aus. Um die Gegebenheiten zu erweitern, baute die Gemeinde Münster zwei Räume an. Sie bieten Platz zum Mittagessen mit Schlafgelegenheit sowie einen Mehrzweckraum.

Über die Jahre entwickelte die Kita neue pädagogische Konzepte oder Leitbilder. Unter anderem gestalten die Kinder heute ihren Alltag aktiv mit und bestimmen selbst wo, mit wem oder was sie spielen wollen. Von 2008 bis 2011 wurde die Kita durch eine Projektteilnahme zum Familienzentrum. Das Motto: „Wer ein Kind aufnimmt, nimmt eine Familie auf.“ Die Zeiten, dass die Eltern lediglich die Kinder bringen und wieder holen sind vorbei. Fortan werden sie aktiv - hin zu einem Netzwerk - miteinbezogen. Es gibt Erziehungsberatung, ein Elterncafé, Familienwaldtage, Bildungs- und Entspannungsangebote oder Unterstützung für Familien in schwierigen Lebenslagen. Und kürzlich erhielt das Familienzentrum als Krönung für seine Arbeit den Ketteler-Preis für ehrenamtliches Engagement der Eltern sowie den Verbänden der Pfarrei (wir berichteten).

Nicht nur die Integration behinderter Kinder funktioniert bei St. Michael, sondern auch die Eingliederung jener mit Migrationshintergrund. Das wurde beim Festgottesdienst deutlich. „Da gaben verschleierte Mütter ihre Kinder nicht nur ab, sondern setzten sich dazu“, erinnert sich Geist und ergänzt: „Diese Menschen fühlen sich wohl und angenommen. Sie wollen spürbar etwas zurückgeben.“ Derzeit hat das Familienzentrum St. Michael vier Gruppen mit 90 Kindern. Etwa 20 bis 25 haben einen Migrationshintergrund. Derzeit reicht der Platz für die 40 Ganztagskinder gerade noch aus. Hier könnte in Zukunft weiterer Bedarf entstehen. Kaum noch Handlungsbedarf besteht darin, die Verbände der Pfarrei ins Boot zu holen. Ob Messdiener Pfadfinder, DJK oder Kolping – alle unterstützen das Familienzentrum nach besten Kräften und zeigten am Wochenende Präsenz. „Wir helfen dann auch bei deren Festen“, sagt Geist.

Um die Teilnahme von sozial schwachen Familien am letzten Samstag zu garantieren, kostete das gesamte Essensangebot für alle Gäste keinen Cent. Die Kolping Familie spendete Würstchen und Brot, die Eltern gaben Kuchen und Salate ab. Wer das Fest erlebte, verstand das Motto, „die Teilhabe aller ermöglichen“, das sich das Familienzentrum auf die Fahnen geschrieben hatte.

Quelle: op-online.de

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