Knobelei mit vielen Variablen

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Matthias Beyer hat die Pinwand beim Stundenplan erstellen mittlerweile zwar mit dem PC getauscht, doch werden an der Schule auf der Aue keine seelenlosen Programme abgespult.

Münster - „Wenn Sie dreidimensionales Tetris gespielt haben, gefällt Ihnen das.“ Matthias Beyer sitzt in seinem Büro. Tabellen flimmern auf den PC-Bildschirm. Von Fabian Sell

Es ist die letzte Woche der Ferien, doch der teilweise gefüllte Parkplatz der Schule auf der Aue beweist: Etliche Lehrkräfte stehen bereits längst vor Ort Gewehr bei Fuß – räumen Klassenräume ein, kopieren Unterrichtsmaterial, leiten die Nachprüfungen. Hinter Beyer indes liegen etwa 20 bis 25 Stunden angestrengten logischen Denkens. Der stellvertrende Schulleiter hat die Stundenpläne erstellt – für 43 Klassen, 970 Schüler und etwa 80 Lehrkräfte. Stundenpläne erstellen und „dreidimensionales Tetris“ – wo besteht der Zusammenhang? Lehrer müssen Klassen zugeordnet werden. Ein Quadrat wäre demnach ein Lehrer, ein anderes eine Klasse. Hinzu kommen die Räume, das Fach sowie Tag und Unterrichtsstunde. Drei weitere Quadrate. Diese Flächen müssen nun zusammen passen – und das tun nur, wenn sie zur gleichen Zeit nicht anderweitig verwendet werden. Also etwa ein Lehrer zu einem bestimmten Zeitpunkt immer nur in einer Klasse unterrichtet.

Das ist also die Knobelarbeit a la Tetris. Und es wird noch viel komplexer: Denn Matthias Beyer hat verschiedene Vorbedingungen, die er zu erfüllen versucht. So sollte etwa jeder Lehrer seine Klasse mindestens drei Mal die Woche unterrichten. Auch sollten die Hauptfächer mindestens ein bis zwei Mal die Woche als Doppelstunde im Stundenplan stehen. Und drei Freistunden pro Woche sind für Lehrer überdies das zumutbare Maximum. Matthias Beyer kennt all diese Prämissen und weiß, wie er sie berücksichtigt. „Ich hatte das Glück, bei meinem Vorgänger Dr. Claus Walther zu lernen“, sagt er. Nun macht der EDV-Administrator die Stundenpläne zum zweiten Mal alleine. „Ich fange damit an zusammenzustellen, was die meisten Lehrer und Schüler betrifft“, erklärt er. Dies ist das Fundament – die unteren Tetris-Reihen, die sich später nicht mehr verschieben lassen.

Zu dieser Grundlage gehört beispielsweise der Religionsunterricht. Denn diesen haben mehrere Klasse zusammen, aufgeteilt in evangelisch, katholisch und Ethik mit jeweils einem Lehrer. „Es ist kaum möglich, das nachher noch zu ändern“, sagt Beyer. Ähnlich verhält es sich mit dem Sportunterricht. Denn einerseits gibt es begrenzte Hallenkapazitäten und andererseits ist der Schwimmunterricht im Hallenbad nur an bestimmten Tagen möglich. Auf diese Weise entsteht ein Grundgerüst, das Beyer dann durch die restlichen Stunden ergänzt. Freilich stets unter Berücksichtigung der genannten Vorbedingungen – sowie weiterer Besonderheiten. „Es gibt zum Beispiel Kollegen, die ihr Kind früh in den Hort bringen müssen und deshalb in der ersten Stunden nicht können“, sagt Beyer. Oder auch Lehrkräfte, die nur halbtags arbeiten, und deshalb einen freien Tag in der Woche brauchen. All dies behält Beyer im Blick.

Letztlich können aber nicht alle Absichten berücksichtigt werden. „Ich zum Beispiel habe 90 Prozent Chemieunterricht“, sagt er. Dies widerspräche aber dem Ziel, dass Lehrer ausgewogen unterrichten sollen. Insgesamt erfüllte Beyer aber die wichtigen Vorbedingungen: Hauptfächer-Unterricht gibt es häufig in Doppelstunden, Lehrer haben nicht zu viele Freistunden und Klassenlehrer sehen ihre Schüler in ausreichendem Maße. Mit seiner Methode, den Stundenplan auf dem Monitor am Computer zu erstellen, steht der stellvertretende Schulleiter zwischen zwei Technologien. Die erste – die althergebrachte – ist die Technik des „Steckens an der Pinnwand“, die aber immer seltener im Einsatz sein dürfte.

Die andere – die neue – sind reine Computerprogramme, die den Stundenplan automatisch berechnen und zusammenstellen, nachdem die Lehrer verschiedene Variablen eingegeben haben. Einige Schulen im Landkreis Darmstadt-Dieburg verwenden diese Software bereits. Beyer möchte allerdings nicht umsteigen. Der Grund: Bei dem Programm wisse man nicht, wie die Entscheidungen getroffen werden. Würde zum Beispiel eine Lehrkraft fragen, warum sie zu einer bestimmten Stunde eine Freistunde haben, könnte er das nicht erklären. Also knobbelt Beyer weiter an seine „Tetris“-Stundenplan. Und wenn nun ab Montag die Schüler wieder in die Klassenströmen, werden jene digital-herkömmlich erstellten Stundenpläne ihren Alltag bestimmen.

Quelle: op-online.de

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