Kotpillen verraten Karnickel

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Der sechsjährige Casper teilt der Geopark-Rangerin die Größe der „Kotpillen“ mit, die er gerade gemessen hat.

Altheim ‐ „Hier muss man leise sein, sonst fallen die Störche vor Schreck tot um.“ Die zukünftigen Schulanfänger des evangelischen Kindergartens Altheim wissen schon ganz genau, worauf sie in einem Naturschutzgebiet achten müssen. Von Ellen Jöckel

Sie sind zusammen mit der Geopark-Rangerin Bettina Stöter am unterwegs, um die Natur der „Hergershäuser Wiesen“ zu erkunden. Das seit 1984 ausgewiesene Schutzgebiet ist Teil des Natura 2000 Netzwerkes der Europäischen Union. Ab dem Jahr 2002 wurde hier die Gersprenz naturnah gestaltet und feuchte Wiesen mit Flachwasserzonen wiederhergestellt. Kombiniert mit Gehölzen, Röhrichten und Sandrasen ist in diesem Gebiet im Dreieck zwischen Münster, Hergerhausen und Altheim eine artenreiche Auenlandschaft entstanden, in dem sogar wieder Biber leben, und leider auch sterben, wie jüngst zu vermelden war.

Ausgerüstet mit festen Schuhen, Rucksack und Fernglas marschieren 23 Kinder im Alter zwischen fünf und sieben Jahren hinter der Geopark-Führerin her. Was auf den Schildern am Rande des Bereichs steht, können ein paar Kinder sogar schon lesen: „Naturschutzgebiet“, buchstabieren sie den anderen vor.

Überall liegen Häufchen mit kleinen schwarzen Köddeln

Fast alle haben schon einmal das umgedrehte Dreieck mit dem grünen Rand und dem fliegenden Raubvogel darauf gesehen. „Weil ich dabei bin, dürft ihr heute ausnahmsweise mit mir ein wenig vom Weg abgehen. Aber seid immer leise, damit die Tiere nicht Angst bekommen und abhauen“, sagt Bettina Stöter, die selbst Mutter von drei Söhnen ist. Auf einer kleinen Anhöhe probieren die angehenden ABC-Schützen ihre Ferngläser aus. Mit Erfolg: Sie entdecken weiter hinten auf der Wiese einen Storch und einige Reiher.

Zwischen Bäumen in einer Wiese baut Stöter ein kleines Klassenzimmer mit Tisch und Tafel auf. Die Kinder haben bereits entdeckt, dass hier Kaninchen oder Hasen gewesen sein müssen: Überall liegen Häufchen mit kleinen schwarzen Köddeln. „Woran erkennt ihr denn, ob es ein Hase oder ein Kaninchen ist?“, fragt die Geopark-Rangerin. „Kaninchen sind kleiner als Hasen“, weiß die fünfjährige Jenny und hat damit bereits den ersten Unterschied aufgedeckt. Bettina Stöter gibt den kleinen Entdeckern Tipps, wie sie durch Spurensuche erforschen können, welches Tier hier unterwegs war, ohne dass sie es zu Gesicht bekommen haben. Mit Schutzhandschuhen sammeln die Kinder die herumliegenden Hinterlassenschaften der Tiere in kleine Tütchen ein und messen die Größe. Mit Hilfe eines Naturkundebuchs finden die Nachwuchsnaturforscher schnell heraus, dass es Kaninchen gewesen sein mussten, die hier ihren Toilettengang verrichtet haben. Stöter erklärt ihnen, dass Kaninchenköddel „Kotpillen“genannt werden.

Natur mit allen Sinnen erforschen

Aufgeregt entdecken die Ersten das Zuhause der kleinen Nager: Unter Erdhügeln befinden sich zahlreiche Eingänge, die in das Reich der bei Kindern so beliebten Tierchen führen. Bettina Stöter erläutert, dass der gesamte Bereich, auf dem sie sich befinden, unterhöhlt ist. Erzieher Marco Löwenstein und seine Kolleginnen Patricia Becker-Sahm und Sigrid Vollhardt weisen die Kinder darauf hin, dass sie nicht auf die Hügel treten sollen, um den Bau des Kaninchenrudels nicht zu zerstören. Die Naturparkführerin zeigt den Kindergartenkindern einen weiteren Eingang, der sich von den übrigen unterscheidet. „Das Tier, das hier wohnt, kann ja in seinen Bau rutschen“, stellen die Knirpse sofort fest und Bettina Stöter bestätigt, dass an der „Rutschbahn“ vor der Höhlenöffnung zu erkennen sei, dass hier ein Dachs zuhause ist. „Wisst ihr denn wie Dachse aussehen“, fragt sie. „Ja, von Petterson und Findus! Die sind schwarz-weiß gestreift am Kopf“, tönen die Naseweise wie aus einem Munde.

„Mir liegt es sehr am Herzen, den Kindern die Natur zu zeigen“, erzählt Stöter, die seit sieben Jahren als Geopark-Rangerin meistens mit Schulklassen, Kindergeburtstagsgesellschaften oder Erwachsenengruppen im vorderen Odenwald unterwegs ist. „Die Kinder sollen sich ein Bild machen von dem, was unmittelbar vor ihrer Haustüre ist. Hier können sie die Natur mit allen Sinnen erforschen, die Unterschiede und Merkmale selbst herausfinden. Das kann man in keinem Zoo erfahren“, sagt Stöter. Nach so vielen Entdeckungen müssen sich die Naturforscher erst einmal mit ihrem mitgebrachten Frühstück stärken, bevor sie sich zu weiteren Erkundungen im „Naturparadies vor der Haustüre“ aufmachen.

Quelle: op-online.de

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