Kuschelstunde mit Wachtelküken

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Ein Leben ohne Tiere ist für Familie Geist aus Münster nicht vorstellbar.

Münster ‐ Das kleine, braun gesprenkelte Ei bewegt sich. Man hört daraus ein leises Piepen. Ein winziges Löchlein entsteht in der Eierschale. Stunden später ist es geschafft: Das Wachtelküken ist geschlüpft und liegt erschöpft auf dem Bauch. Von Veronika Szeherova

Doch beim wärmenden Licht des Brutkastens und einer Temperatur von etwa 38 Grad ist es bald fit genug, um mit seinen Geschwisterchen herumzuwuseln. Evelyn Geist schaut den Neuzugang freudig an. Die Münsterin betrachtet jedes Tier als Individuum – und das, obwohl die Familie Geist eine wahrlich ungewöhnliche Menge an tierischen Mitbewohnern hat.

Die „kleine Farm“ in Bildern:

Der private Kleintierzoo in Münster

Von außen würde man gar nicht ahnen, dass das unauffällige Haus am Ortsrand Münsters so etwas wie eine kleine Arche Noah ist: Hasen, Enten, Puten, Wachteln und verschiedene Papageien und Sittiche leben dort auf 250 Quadratmetern in großzügigen Gehegen. Wenige Kilometer außerhalb ihres Hauses hat die Familie ein Grundstück gepachtet, auf dem sie zwei kleine Schafherden hält. Und dass natürlich auch Katzen und Hunde nicht fehlen, erklärt sich von selbst. Einige Tiere hat die Familie aufgenommen, weil andere sie nicht mehr wollten, „und ich dann nicht nein sagen kann“, wie Evelyn Geist bekennt.

„Unsere Familie hat schon immer Tiere gehalten, ich bin damit aufgewachsen“, sagt Familienoberhaupt Reimund Geist. Als seine Frau Evelyn, eine gebürtige Ost-Berlinerin, in sein Elternhaus in Münster zog, schloss sie die Nutztiere gleich ins Herz. „Fast schon zu sehr“, sagt sie schmunzelnd. „Ich hab durchgesetzt, dass wir die Schweinehaltung aufgeben, denn ich hasste die Schlachttage. Mir hat es auch nicht geschmeckt, wenn ich an die Schreie der Schweine dachte.“

Papageien faszinierten sie schon immer

Auch für die anderen Tiere setzte sie sich ein, damals wie heute: „Ich war dagegen, unsere Tiere in diesen winzigen Verschlägen, wie es hier auf dem Land üblich war. Zum Glück hörte mein Mann auf mich und baute alles so um, dass sie viel Platz haben und artgerecht leben können.“ Mit dem Kapitel „eigene Tiere essen“ hat sich die Hebamme schließlich arrangiert: „Ich fragte mich, was am besten ist – die gequälten Kreaturen aus der industriellen Massenhaltung zu essen, oder Fleisch unsere eigenen Tiere, denen es immer gut ging, oder gar Vegetarierin zu werden. Die Antwort darauf war klar.“ So kommt bei Geists nur eigenes Geflügel auf den Tisch, und auf Schweinefleisch etwa verzichten sie einfach.

Papageien faszinierten die 48-Jährige schon immer. Doch vor der Anschaffung schreckte sie zurück. Bis eines Tages, als sie traurig aus Berlin von der Beerdigung ihres Vaters zurückkehrte, eine Überraschung auf sie wartete: Graupapagei Chico. Ein fast federloser Vogel, den sie aus einer Zoohandlung kannte. Reimund hatte ihn ihr gekauft – zur Aufmunterung.

Enten und Puten bekommen Muschelgrit

Aufgemuntert war auch der kluge Papagei, der bald prächtiges Gefieder bekam und ein wenig sprechen lernte. Vor einem Jahr ist das treue Haustier verstorben. Da Evelyn Geist ihm mittlerweile einen Gefährten geholt hatte, brauchte dieser dann wieder einen neuen Freund. Und so leben jetzt wieder zwei Graupapageien bei der Familie sowie ein Königssittich- und ein Unzertrennlichen-Pärchen. Um ihre Versorgung kümmert sich Evelyn Geist allein. Sie lacht: „Für meinem Mann hörte die Freundschaft auf, als ihn einer unserer Graupapageien mal ins Ohr biss.“

Der ganze Tagesablauf wird von den Tieren bestimmt. Frühmorgens aufstehen, mit den beiden Hunden rausgehen, dann alle Tiere füttern. Reimund Geist achtet dabei sorgfältig darauf, immer verschiedene Menüs zu bieten und kennt die Bedürfnisse seiner Tiere. Die Enten und Puten bekommen Muschelgrit, um die Körner besser zu verdauen. Und seine „Ouessantschafe“, die kleinste Schafrasse der Welt, fressen besonders gern süßes Heu, während die größeren Kamerunschafe sehr anspruchslos sind. Abends müssen alle Tiere nochmal gefüttert werden. Und auch die Gehege erfordern regelmäßige Säuberung. „So etwas wie Langeweile kennen wir überhaupt nicht“, sagt Evelyn Geist.

Sohn Rudi springt in Urlaubszeiten ein

Aber ein anderes Leben ist für die im Schichtdienst arbeitende Hebamme gar nicht mehr vorstellbar. „Die Tiere zu versorgen, ist für mich keine Arbeit, sondern Freude. Und die größte Entspannung ist für mich, abends mit den Hunden rauszugehen. Oder mal mit einem Wachtelküken in der Hand fernzusehen.“

Trotzdem: Hin und wieder braucht auch das Ehepaar Geist seine Auszeit. Beide sind froh, in ihrem erwachsenen Sohn Rudi jemanden gefunden zu haben, der sich bereitwillig während ihres Urlaubs um die Vierbeiner und die Gefiederten kümmert. Doch an Urlaub ist zunächst nicht zu denken. Das braune Minischaf Lotta und seine Artgenossen blöken schon freudig, als sie Evelyn Geist mit dem Futtereimer kommen sehen. Tiere stehen nunmal an allererster Stelle, wie die 48-Jährige klar zugibt. „Unsere Freunde wissen aber, dass wir so sind“, sagt sie lachend.

Quelle: op-online.de

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