Im Land der Sprachmelodien

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Wer die Zahl richtig ausgesprochen hat und das korrekte Handzeichen dazu macht, bekommt den Ball zugeworfen: Mit diesem Spiel lernen die Aueschüler die Zahlen von eins bis zehn auf chinesisch.

Münster ‐ „Ni hao“ - heißt auf chinesisch „Guten Tag“. Diese Begrüßungsfloskel ist für 36 Schüler der Münsterer Schule auf der Aue noch die leichteste Sprachübung an diesem Nachmittag. Von Ellen Jöckel

Die Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 16 Jahren nehmen an einem Austausch mit chinesischen Schülern der High School in Huangyan in der Provinz Zheijang teil.

Huangyan ist ein Bezirk von Taizhou, einer Stadt mit 5,57 Millionen Einwohnern. Sie liegt rund 400 Kilometer südlich von Shanghai. „Bei dem Wort ‚ma‘ zum Beispiel müsst ihr aufpassen: Wenn ihr es falsch betont, dann verstehen die Leute unter Umständen ,Pferd', obwohl ihr ,Mutter' gemeint habt“, erklärte der Pädagogische Leiter der Aueschule, Karl-Heinz Nissen, beim Vorbereitungstreffen und erntete damit bei den Schülern großes Gelächter.

Chinesisch ist eine tonale Sprache. Je nachdem, mit welcher der vier Tonhöhen eine Silbe ausgesprochen wird, verändert sich ihre Bedeutung. Beim Anhören der Aussprache von den Zahlen eins bis zehn, bekommen die Teenager einen Eindruck davon, wie die chinesische Sprache strukturiert ist. Nicht einmal 400 phonetische Silben kennt das Chinesische – wenig im Vergleich zum Deutschen, das über gut 10 000 Silben verfügt.

Ende August können die Schüler ihre Chinesischkenntnisse ausprobieren, denn dann kommen 38 Schüler aus Huangyan mit zwei Englischlehrern, einer Bibliothekarin, dem Leiter der High School und seinem Stellvertreter nach Münster. „Für Chinesen ist es sehr schwierig, ein Visum nach Deutschland zu bekommen. Es ist teuer und dann muss noch jeder einzelne Teilnehmer dafür zum Generalkonsulat ins weit entfernte Shanghai reisen“, weiß Nissen. Trotz dieser Hürden sei das Interesse an dem Austausch mit Deutschland immens hoch gewesen: Etwa 230 Schüler hätten sich an der Huangyan High School dafür beworben. Die Gruppe aus China hat bei der Ankunft in Münster bereits eine Europareise hinter sich. In der hessischen Gemeinde sind neben Unterrichtsbesuchen, einem Sportnachmittag und Besichtigungstouren auch eine Visite beim Bürgermeister Walter Blank geplant, die sich die chinesischen Besucher ausdrücklich gewünscht hätten, so Nissen.

Ende September werden die Münsterer Austauschschüler von der Englischlehrerin Ingrid Arnold-Berndt, der Mathematiklehrerin Mareike Bischof, dem stellvertretenden Schulleiter Dr. Claus Walther und Karl-Heinz Nissen auf ihrer Reise in die Volksrepublik begleitet. Nach einem einwöchigen Aufenthalt in den Partnerfamilien und in der Huangyan High School ist eine weitere Woche für eine Rundreise vorgesehen: Sie führt in die Provinz-Hauptstadt Hangzhou, nach Shanghai mit einem Besuch der EXPO und einer Fahrt mit dem Transrapid, nach Xian mit Besichtigung der Terrakotta-Armee und nach Bejing, um die chinesische Mauer zu sehen.

Den Kontakt zur chinesischen Schule habe die Deutsch-Chinesische-Gesellschaft hergestellt, erläutert Karl-Heinz Nissen. Die Huangyan High School sei bereits die dritte zugewiesene Schule. Die erste sei wieder aus dem Programm genommen worden und bei der zweiten High School sei kurz vor der konkreten Kontaktaufnahme ein Brand ausgebrochen. Aus diesem Grund hätten die Münsterer Schüler ihren Austauschpartner erst Anfang Juni zugewiesen bekommen.

„Die Resonanz bei unseren Schülern war riesig. Das ist die bisher größte Austauschgruppe, die wir hatten“, berichtet Nissen. Die 14-jährige Anne-Björg Ries möchte während ihres Aufenthalts in China die Menschen und Kultur kennen lernen. „Im vergangenen Schuljahr war ich in Amerika und bin nun gespannt auf die Unterschiede“, sagt die Schülerin. Die 15-jährige Julia Ries hat die Chance ergriffen, über den Austausch in ein Land zu kommen, in dem sie noch nie war. „Ich denke, ich werde dort auch sonst nicht mehr hinkommen.“ Lars Schneider interessiert sich besonders für das chinesische Schulsystem: „Die Schüler haben bis fünf Uhr nachmittags Schule und es geht viel strenger zu als bei uns“, erzählt der 14-Jährige. Auch von Elternseite sei die Idee eines China-Austauschs sehr positiv aufgenommen, berichtet Karl-Heinz Nissen.

„Die einzigen, die Bedenken geäußert haben, waren die Lehrer“, sagt der Pädagogische Leiter. Der Grund für die zunächst ablehnende Haltung seien die politischen Verhältnisse in China mit Menschenrechtsverletzungen und Ängste bezüglich des Zurechtkommens ohne große Sprachkenntnisse gewesen. Am Ende sei entschieden worden, den Austausch einmalig stattfinden zu lassen und nach einer Auswertung über eventuelle weitere Treffen zu entscheiden.

Quelle: op-online.de

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