Lebendiges Lesen mit Lakritz

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Die hinterhältigen Schurken: der Fuchs (Andreas Konrad) und die Katze (Julia Blancke) tun so, als wären sie Pinocchios Freunde, wollen aber nur an sein Geld.

Altheim ‐ Verdächtig still war es in dieser Woche in der Altheimer Regenbogenschule. Wer in die Grundschule kam, hätte meinen können, die Schüler seien allesamt ausgeflogen. Offene Klassensaaltüren, aber niemand zu hören. Von Ellen Jöckel

Der Blick ins Klassenzimmer offenbarte ein unerwartetes Bild: Schüler in Decken und auf Kissen gekuschelt, unter den Tischen liegend, auf Sofas sitzend und jeder in ein Buch vertieft: Lesewoche in der Regenbogenschule.

Offenkundlich macht den Kindern das Lesen Spaß, aber eine willkommene Abwechslung ist es für sie immer, etwas vorgelesen zu bekommen. Dafür waren Schauspieler vom Freien Kinder- und Erzähltheater „Lakritz“ aus Darmstadt in die Altheimer Schule gekommen. Sie lasen den Schülern aus den ersten und zweiten Klassen die Geschichte von „Pinocchio“ vor.

Doch einfach nur vorlesen ist nicht im Sinne eines Erzähltheaters. Die fünf Schauspieler Andreas Konrad, Benjamin Lutz, Julia Blancke, Konrad Büttner und Björn Lehn ließen Pinocchio, Geppetto, Fuchs, Katz und Co. lebendig werden. So lebendig, dass den sechs- bis achtjährigen Zuschauern oftmals der Mund beim Betrachten des Spektakels offen stehen blieb. „Mir hat am meisten gefallen, wie Geppetto durch die enge Speiseröhre des Wals gekrochen und dabei an den Stimmbändern hängen geblieben ist“, äußerte sich ein Erstklässler nach der Vorstellung. „Ich fand‘s gut, wie sich Pinocchio und Geppetto ein Glas mit Wasser ins Gesicht geschüttet haben“, meinte ein anderer Schüler. Die aktionsreichen Szenen sorgten dafür, dass die umfangreiche Abenteuergeschichte des kleinen Jungen aus Holz trotz anderthalbstündiger Spieldauer auch für die Jüngsten im Publikum kurzweilig blieb.

Herausfinden, wie der Körper funktioniert

Für das Lakritz-Team ist die Regenbogenschule kein unbekanntes Terrain: In einem Briefaustausch mit den Schülern der vierten Klassen holte sich das Theater Ideen für seine Inszenierung „Die Schatzinsel“ und arbeitete nach der Aufführung des Stücks in der Münsterer Kulturhalle eine Woche lang in verschiedenen Projekten mit den Drittklässlern zu diesem Thema. Die Schauspieler des freien Kindertheaters sind theaterpädagogisch ausgebildet. So gehört es zu ihrem Grundkonzept, die Stücke mit den Kindern im Anschluss nachzubereiten. So ging es auch für alle Zweitklässler nach der szenischen Lesung in vier Gruppen weiter. Mit Bewegungsspielen wie „Hase und Jäger“ oder „Marionette und Puppenspieler“ lernten die Kinder ihren Körper kennen. „Die Kinder sollen herausfinden, wie der Körper funktioniert, wenn ich ihm vorgebe, was er tun soll. Oder wie erkenne ich die Gefühle des anderen ohne zu wissen, was er erlebt hat“, erläuterte der Gründer von „Lakritz“, Andreas Konrad. Das Kindertheater hat im Rahmen von „Flux“ mit der Regenbogenschule einen Kooperationsvertrag geschlossen. „Flux“ ist eine Initiative für die Vernetzung von Theater und Schule in Hessen. Der Kontakt zum Darmstädter Erzähltheater ist über Max Petermann, Lehrer an der Regenbogenschule und Kulturbeauftragter des Landkreises, zustande gekommen.

Für die neueste Inszenierung, einem Insektenkrimi mit dem Titel „Die Wanze“, die am 15. Mai Premiere hat, ist wieder eine Briefpatenschaft mit den vierten Klassen geplant. „Ich hoffe sehr, dass die Patenschaft mit dem Theater Lakritz auch im kommenden Schuljahr weitergeht“, so Petermann. „Für eine Fortsetzung des Münsterer Kinder- und Jugendfestivals Bunter Hund habe ich bereits eine Zusage von der Projektleitung von Flux erhalten“, versicherte er.

An der Regenbogenschule wurde nach der Lakritz-Lesung fleißig weitergeschmökert, etwa in Literatur der Kinderbuchautoren Paul Maar und Christine Nöstlinger. Auch die Dritt- und Viertklässler kamen in den Genuss des Vorlesens: Heike Winter von der Roßdorfer Bücherinsel trug Passagen aus „Animal Wizards“ von Adam Jay Epstein und Andrew Jacobson vor.

Quelle: op-online.de

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