Lichtspiele im Kaisersaal nun digital

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Mit viel Interesse sahen sich die Kinobesucher im Vorführraum von Dieter Müller (rechts) um - Filmrollen wie diese wird es von nun an nicht mehr geben.

Münster - Die kleinen Kinos vor Ort sterben überall aus, immer weniger gibt es davon auf dem Land. So ist das Münsterer Lichtspielhaus das letzte seiner Art im Landkreis Darmstadt-Dieburg. Von Jasmin Frank

Doch auch hier stand die Entscheidung ins Haus: Mit den technischen Errungenschaften Schritt halten, oder das Kino schließen.

„Über diese Frage haben wir nie ernsthaft nachgedacht, für uns war immer klar, dass wir weitermachen wollen“, lächeln die Inhaber Bettina Herzing-Müller und Dieter Müller übereinstimmend. Für die beiden steht daher nun eine große Veränderung ins Haus: Am Mittwoch lief im Rahmen von „Cinema Plus“ der letzte analog gezeigte Film. Nun bleibt das Kino für einige Tage geschlossen, bevor es mit neuer digitaler Technik in Betrieb geht.

Doch bevor es soweit ist, luden die Münsterer Kinobetreiber ihre Besucher nach der abendlichen Vorstellung in den Vorführraum ein, damit sie von der alten Betriebsweise Abschied nehmen konnten. „Ich bin schon vor 50 Jahren als kleines Mädchen hierher gekommen, um Märchenfilme zu sehen. Mit dem Kino verbinde ich sehr viele Erinnerungen, und deshalb finde ich es wunderbar, einmal hinter die Kulissen schauen zu können“, erzählt Anita Wick. Sie stimmt mit den anderen Cineasten überein: „Was sich im Vorführraum verändert, ist für uns eigentlich nicht das Wichtigste. Von Bedeutung ist doch, dass der Saal mit seiner einmaligen Atmosphäre erhalten bleibt.“

Erinnerungen ans Kino seit 1939

Zwar bleiben dort die Sofas und die restliche Einrichtung bestehen, doch eine Person, die fast schon zum „lebendigen Inventar“ des Kinos gehört, wird sich verabschieden: Filmvorführer Willi Stork. „Ich bin im Kaisersaal- Kino seit 1939 am Werkeln und habe schon einiges erlebt. Zu Beginn hatten wir ganz andere Apparate. Damals musste ich die Beleuchtung der Filme mit zwei Graphitkohlestiften einrichten und während der gesamten Schau ständig kontrollieren und nachjustieren. Auf die Toilette konnte man da nicht gehen“, schmunzelt er. Selbst bei den aktuellen 35-Millimeter-Filmen und den modernen Projektoren war noch Handarbeit gefragt: Die Filme mussten zusammenklebt und aufgespult werden.

Doch auf die digitale Technik will sich Stork nicht mehr einstellen und lacht: „Ich bin jetzt 88 Jahre alt, Zeit also, um in Rente zu gehen!“

Während der Abschlussabend eher nostalgisch verlief, ging es am nächsten Morgen handfest zur Sache: Techniker Bernd Müller von Cineprojekt war vor Ort und montierte die alte Anlage ab. „Alle Kinos müssen umstellen, denn bald wird es die Filme nur noch in digitaler Form geben“, meint er.

Während im Saal schon eine neue Leinwand hängt, wird nun im kleinen Vorführraum alles neu installiert: Eine Lüftungsanlage muss eingebaut werden, deren Warmluft im Winter ins Kino geleitet wird. Im Deckenbereich werden zwei Schalldämpfer eingebracht, eine neue Tonanlage folgt, ein Fenster wird für die Projek-tion in die Wand gebrochen und natürlich kommt ein neuer Server her, über den die Filme laufen.

„Neue Ära bricht an“

„Für uns ist das ein sehr bewegendes Gefühl, eine neue Ära bricht an. Aber wir haben zunächst hohe Investitionskosten, die durch die Zuschüsse von Bund, Land und Filmförderungsanstalt nur zum Teil gedeckt werden“, erläutert Müller.

Die Finanzen sind auch ein Grund, warum zunächst auf eine zusätzliche Anlage für 3-D-Filme verzichtet wird. Zudem sehen die Kaisersaal-Inhaber ihre Kunden in einer anderen Sparte. „Meiner Meinung nach ist das auch gar nicht unbedingt notwendig. Wenn ich bei aktuellen Filmen sehe, wie authentisch schon jetzt die Fäuste oder Autos von der Leinwand auf die Zuschauer zuzukommen scheinen, finde ich das eigentlich ausreichend“, so Müller.

Eines wissen die beiden Betreiber aber sicher: Sie werden weiterhin für schöne Erinnerungen bei ihren Besuchern sorgen – der erste Kuss im Kino Kaisersaal ist also immer noch möglich. Und ob er doch irgendwann im Verlaufe eines 3-D-Filmes erlebt wird, werden die nächsten Jahre zeigen.

Quelle: op-online.de

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