„Zeit der Ruhe und Reflektion“

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Martina Lenz aus Münster ist auf dem Jakobsweg von den Pyrenäen bis nach Santiago gepilgert. Martina Lenz am „Cruz de Ferro“. Gemäß der Pilgertradition legt sie dort einen kleinen Stein ab.

Münster - „Ich bin dann mal weg“ - das dachte sich auch die Münsterer Kolping-Schwester Martina Lenz. RUnd 900 Kilometer weit ist sie zu Fuß auf dem berühmten Jakobsweg gepilgert. Von Sebastian Schwarz

Ihr Weg führte die Krankenschwester von St. -Jean-Pied-de-Porte-Roncevalles an der französisch-spanischen Grenze über die Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela und an die Atlantikküste nach Muxia. „Ich war schon immer fasziniert vom Jakobsweg, dass Menschen seit dem Mittelalter auf diesem Weg gehen“, erzählt Martina Lenz. „Man fühlt sich dort als Teil der Geschichte, als Teil der Weltkirche“. Diese besondere Erfahrung einmal selbst zu machen, hat die gläubige Katholikin schon immer gereizt. Anfang des Jahres beschließt sie, den lange gehegten Traum nun endlich in die Tat umzusetzen. Sechs Wochen lang will sie auf Pilgerreise gehen.

Aber natürlich nicht ohne Vorbereitung. Ganz wichtig: „Ein Paar vernünftige Wanderschuhe“. Die läuft sie erstmal gründlich ein, jeden Tag rund 20 Kilometer. Diese Strecke will sie auch in Spanien täglich zurücklegen. Ende April geht es los. Von St.-Jean-Pied-de-Porte-Roncevalles aus startet sie ihre Wallfahrt ins 800 Kilometer entfernte Santiago de Compostela. Großen Wert legt sie auf eine authentische Erfahrung. In bequemen Hotelbetten übernachten, das ist nichts für sie. Sie verbringt die Nächte zwischen den Etappen in spartanischen Herbergen, wo sie in Mehrbettzimmern gemeinsam mit anderen Pilgern schläft. „Mein einziger Luxus war ein Paket Cappuccino“, lacht die fröhliche 48-Jährige. Den braucht sie auch, denn morgens heißt es schon um 6 Uhr raus aus den Federn.

Hätte sie sich da manchmal nicht lieber einfach umgedreht und weitergeschlafen? „Früh stehen alle auf und gehen, da stellt sich gar nicht die Frage, ob man lieber liegen bleiben will“, lacht Martina Lenz. Auf ihrem Weg und vor allem in den vielen Herbergen trifft die Münsterin zahlreiche andere Pilger aus der ganzen Welt. Diese Begegnungen bleiben ihr besonders im Gedächtnis. Ihre Etappen dauern meist bis nachmittags. In den Unterkünften nutzt sie die dann die Gelegenheit, um neue Kontakte zu knüpfen, verbringt die Zeit mit anderen Pilgern. „Die Leute sind alle sehr offen, man findet dort sofort Anschluss.“

Es ist ein besonderes Gemeinschaftsgefühl, das zwischen den Wallfahrern herrscht. „Wir haben uns alle als Gruppe verstanden und Rücksicht aufeinander genommen“, ist Lenz auch im Nachhinein noch beeindruckt vom Gruppengefühl. „Man hilft sich, auch wenn man sich nicht kennt.“ In guter Erinnerung hat sie auch die gemeinsamen Abende. Denn Pilger sind keineswegs in sich gekehrt Asketen. „Das sind fröhliche Menschen“, erzählt die blonde Kolping-Schwester. Wie zum Beispiel der Australier Tim, mit dem sie eine Woche lang gemeinsam unterwegs ist.

Aber seine Begleitung war dann doch eher die Ausnahme. Denn ihre Wegstrecke legt sie lieber alleine zurück. Sie möchte ihrem eigenen Rhythmus folgen. Während sie unterwegs ist, genießt sie die Natur und reflektiert über viele Dinge, die ihr durch den Kopf gehen. „Ich habe in dieser Zeit viele Sonnenaufgänge gesehen“, blickt sie zurück. Ganz auf ihre Heimat muss sie indes auch in der Fremde nicht verzichten. Im kleinen Örtchen La Faba landet sie in der „Schwabenherberge“. Die macht ihrem Namen alle Ehre. Wer dort ein schwäbisches Lied singt, darf umsonst übernachten. So wie Mitpilgerin Josephine, die „Auf der Schwäb’sche Eisenbahne“ anstimmt.

Pilgerpfad Camino Português

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Nach rund eineinhalb Monaten erreicht sie ihr Ziel, den weltberühmten Wallfahrtsort Santiago de Compostela. „Dort anzukommen, ist wie nach Hause zu kommen“, sagt Lenz. In der nordspanischen Stadt sieht sie unzählige ihrer Mitpilger wieder, die sie vorher auf dem Weg immer wieder getroffen hat. Santiago ist zugleich auch der Endpunkt des Jakobsweges. Aber für Martina Lenz ist der Weg noch nicht zu Ende. Drei Tage früher als geplant kommt sie dort am 13. Juni an. Was tun mit der restlichen Zeit? Die lebensfrohe Münsterin beschließt, einfach weiter zu laufen. Bis nach Finistererre und Muxia an der Atlantikküste führt sie der Weg, es sind nochmal rund 100 Kilometer.

Doch hat ihr die anstrengende Pilgerfahrt auch wirklich etwas gebracht? Hat sie neue Erfahrungen gesammelt, die ihr Leben bereichern? Die Antwort lautet Ja. „Die Pilgerreise hat mein Leben verändert“, ist Martina Lenz überzeugt. „Ich bin offener geworden.“ Und auch das Laufen hat sie seitdem beibehalten. „Das ist für mich eine Zeit der Ruhe und Reflektion.“ Über ihre Eindrücke und Erlebnisse während ihrer Wallfahrt berichtet Martina Lenz bei einem Vortrag am Montag, 17. November, 20 Uhr, im Kolpingraum des katholischen Pfarrzentrums, An der Kirche.

Quelle: op-online.de

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