Interview mit ALMA-Fraktionsvorsitzendem

Gerhard Bonifer-Dörr: „Mehr Arbeit und mehr Spaß“

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Gehört seit 1985 ehrenamtlich und fast ununterbrochen als Abgeordneter der Münsterer Gemeindevertretung an: Gerhard Bonifer-Dörr.

Münster -  Gerhard Bonifer-Dörr, Fraktionschef der Alternativen Liste, spricht im Interview über wichtige Vorhaben, „unnötige Schärfen“ der CDU und seine ganz neue Erfahrung in der Gemeindevertretung. Es sei ein „volles Programmpaket“, von dem der Bürger noch zu wenig sehe. Von Jens Dörr 

Mit sechs Abgeordneten sitzt die „Alternative Liste Münster, Altheim und Breitefeld“ (ALMA) derzeit in Münsters Gemeindevertretung. Damit bildet die ALMA nach CDU (17 Abgeordnete) und SPD (14) die kleinste der drei Fraktionen – und befindet sich nach den Kommunalwahlen 2016 doch in neuer und bedeutenderer Rolle: Seither koaliert sie mit den Sozialdemokraten, hat damit noch mehr Einfluss auf Münsters Entwicklung als in den vorherigen zehn Jahren der Opposition.

Als Fraktionsvorsitzender der 2006 gegründeten ALMA, die in der Tradition der Münsterer Grünen steht, sich aber ausdrücklich und mit Erfolg auch Lokalpolitikern ohne Parteibuch öffnete, ist Gerhard Bonifer-Dörr Frontmann und bekanntestes Gesicht. Zuvor war er bereits bei den Grünen aktiv, gründete 1984 den Ortsverband Münster mit. Seit 1985 gehört Bonifer-Dörr (mit Ausnahme der Jahre 1993 bis 1997 als er Beigeordneter war) ehrenamtlich ununterbrochen der Gemeindevertretung an.

Im Interview spricht er über wichtige Münsterer Projekte, die mitunter wenig erbauliche Debattenkultur in den politischen Gremien und seine ganz neuen Erfahrungen in der Gemeindevertretung.

Herr Bonifer-Dörr, nach drei Jahrzehnten mit den Grünen und später der ALMA in der Opposition: Was hat sich für Sie politisch verändert, seit sie mit den Kommunalwahlen 2016 und der Koalitionsbildung mit der SPD Münsters Entwicklung noch stärker mitprägen können?

Seit zwei Jahren ist die Situation tatsächlich eine andere. Früher, gegen die Mehrheit der CDU, konnte man viel vorschlagen und teils auch durchsetzen. Nun können wir aber richtig gestalten. Das macht schon noch mehr Spaß. Es bedingt zwar einen höheren Zeitaufwand, zumal wir uns mit der SPD regelmäßig abstimmen und nach gemeinsamen Lösungen suchen. Es bringt aber auch mehr Erfolge.

Wo sind oder werden diese für den Bürger sichtbar?

Das ist noch eine der Schwierigkeiten: Wir haben ein volles Programmpaket, formuliert in der sechsseitigen Koalitionsvereinbarung mit der SPD, und sind dabei, es abzuarbeiten. Für den Bürger ist nach draußen allerdings erst wenig zu sehen. Beispiel Kinderbetreuung: Dass es da nun eine mittelfristige Planung des entsprechenden Fachbereichs der Verwaltung gibt, ist sehr wichtig, ebenso die Planungen für einen Kita-Neubau auf dem Frankenbach-Gelände. Was die Leute aber aktuell erst einmal sehen, ist das Kindergarten-Provisorium im Jugendzentrum.

Was würden Sie noch in die Rubrik „angeleiert und wichtig, aber noch nicht sichtbar“ einordnen?

Ein weiteres Beispiel ist der soziale Wohnungsbau in Münster, etwa in der Goethestraße. Da liegen die fertigen Pläne vor – doch draußen sieht man halt noch nichts davon.

Den umstrittenen Umbau des Rathaus-Foyers lassen ALMA und SPD ebenfalls planen, von ihm ist auch noch nichts zu sehen. Ginge es nach der CDU, könnte das auch so bleiben...

Es gibt eine Reihe von guten Argumenten für den Umbau. So haben wir auf dem Rathaus viele Teilzeitkräfte, für die wir schlicht zusätzliche Plätze brauchen. Auch das von der CDU so stark kritisierte Vorhaben rund um den Rathaus-Platz ist für uns wichtig. Dazu gab es übrigens schon unter Ex-CDU-Bürgermeister Walter Blank Planungen, die dann aber nicht weiterverfolgt wurden und in der Schublade verschwanden. Wir sind der Ansicht, dass Münster eine attraktive, neu gestaltete Mitte braucht. Und Parken am Rathaus-Platz wird auch weiterhin möglich sein.

Den von der CDU gegen Bürgermeister Gerald Frank gerichteten Vorwurf, er habe vieles angefangen, aber noch nichts zu Ende gebracht, könnte man insofern auch der Münsterer Koalition machen...

Wir sind froh, dass wir mit Gerald Frank wieder einen Bürgermeister haben, der in Münster für Veränderungen steht. Alle großen Entwicklungsschritte und Projekte wurden zuvor ja noch in der Amtszeit von Bürgermeister Karl Grimm angestoßen. Danach, in der Zeit von Walter Blank, wurde eher solide verwaltet. Und wir sind guter Hoffnung, dass wir bald auch irgendwo mal ein Band durchschneiden dürfen.

Vielleicht ja auch das an einer neuen Bushaltestelle im Breitefeld...

Dessen Entwicklung ist uns ebenfalls wichtig. Da geht es zurzeit – auch in einem Arbeitskreis mit Anwohnern und Gewerbetreibenden, moderiert von der Wirtschaftsförderung der Gemeinde – darum, eine Bus-Wendemöglichkeit als Voraussetzung für eine ÖPNV-Anbindung zu schaffen. Auch soll das Breitefeld eine andere Beleuchtung bekommen. Den sich dorthin schlängelnden Radweg müssen wir irgendwann ebenfalls neu machen.

Was alles bezahlt werden muss.

Klar, es gibt bei allem Sach- und Finanzierungszwänge, auch wenn man mit einer Mehrheit in der Gemeindevertretung nun besser als früher in der Opposition gestalten kann und der Bürgermeister dem Koalitionspartner angehört. Da sind wir froh, dass sich Gerald Frank immer sehr um Fördergelder für Münster bemüht. Denn die Zeiten wie in den 80ern und 90ern, als Münster finanziell sehr solide aufgestellt war, sind vorbei. Wer würde denn heute noch ein Hallenbad neu bauen oder gar ein Gebäude wie unsere Kulturhalle?

Bei knappen Mitteln werden die Auseinandersetzungen der verschiedenen Parteien sicher eher heftiger als sanfter. Wie ordnen Sie das derzeitige Klima in der Münsterer Gemeindevertretung ein?

Da gibt es unnötige Schärfen. Zugespitzte Argumente dürfen und müssen sein. In der jüngsten Vergangenheit fand ich aber bestimmte Zuspitzungen von Mitgliedern der Unions-Fraktion und ihrem Fraktionsvorsitzenden jedoch überzogen. So darf es für die Zukunft sicher nicht bleiben. Ich kann mich aber sehr gut in die Rolle derer hineinversetzen, die jetzt die Mehrheit nicht mehr haben. Da gibt’s manchmal vielleicht ein gewisses Ohnmachtsgefühl.

Quelle: op-online.de

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