Viertägiges Fest

Zwölf gereimte Ungereimtheiten: Altheimer Kerb mit flotten Sprüchen von Jürgen Siebold

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Die Feuerwehr Altheims präsentierte ihren Permanent-Kerbvadder zum Umzug.

Immer wenn die Feuerwehr die Kirchweih in Altheim ausrichtet, ist Jürgen Siebold als Kerbevadder nicht weit. So auch in diesem Jahr. 

Altheim – Was passiert, wenn die neue Kraft vom mobilen Pflegedienst plötzlich in der falschen Wohnung steht und Hand an einen jungen Mann anlegen will, weil der auf irritierende Weise von außen den Schlüssel stecken ließ? Die Verwirrung ist nicht gerade klein. 

Nicht minder groß war diese beim Ausflug der Feuerwehr-Senioren, als beim Abendessen in der Gaststätte das Bestellte aus der Karte an den Tisch kam und viele nicht mehr genau wussten, was sie eigentlich geordert hatten. Diese und zwölf weitere Begebenheiten gehörten zum Kerbspruch vor dem Gustav-Schoeltzke-Haus. Im Frack mit Zylinder steckte Jürgen Siebold, der schon seit vielen Jahren immer dann als Kerbvadder auftritt, wenn die Ausrichtung der Kichweih in den Händen der Feuerwehr liegt.

Die Blauröcke starteten das viertägige Fest mit dem Kerb-antrinken im Feuerwehrhaus. Vorsitzender Ralf Kaiser bilanzierte dazu einen guten Zuspruch, genauso wie Michael Reuter vom geschäftsführenden Vorstand des TSV Altheim, wo am Samstagabend die Stammtische „Vamps“ und „Erdinger“ eine Party mit DJ organisierten. „Am Montagmorgen muss erst einmal der Bierwagen kommen“, führte Reuter am Tag danach bezüglich dem Ende der Gerstensaft-Vorräte an.

Der Sonntags-Umzug bestand aus rund einem halben Dutzend Nummern. Zu den Teilnehmern zählten die Feuerwehr, der TSV, die Hauptstraßengemeinschaft, der MGV Altheim, der Eintracht-Fanclub sowie abschließend die Kerb-Burschen und -Mädchen. Die Gruppe setzte sich zwar nicht aus dem aktuellen Jahrgang zusammen, dafür aber aus jungen Menschen, die in der Vergangenheit schon einmal aktiv waren. Sie stellten mit ihrem Einsatz sicher, dass überhaupt Burschen und Mädchen existieren. Bis auf das Ausnahmejahr 2017 gelang dies in letzter Zeit kaum. In der Regel griff man sogar auf die Kerbburschen aus Harpertshausen zurück.

Greetje Krüger, die vor zwei Jahren als Kerbmädchen mit von der Partie war, entschied sich am Wochenende zum erneuten Engagement. Die junge Studentin mit Wohnort Mannheim kam extra dafür am Wochenende nach Altheim. „Bei der Kerb dabei zu sein sehe ich einfach als meine Pflicht“, hob Krüger mit reichlich Lokalpatriotismus heraus. Beim MGV fiel der Mix aus älteren und ganz jungen Zugteilnehmern auf. Das kann Vorsitzender Günter Willmann erklären. „Wir haben jeden Freitag ein Eltern-Kind-Singen für den Nachwuchs von drei bis sechs Jahren. Der Großteil davon ist dabei.“ Während die Kinder sich auf Roller bewegten, fuhren oder schoben die gestandenen Sänger geschmückte Fahrräder. Das passte zum Motto „Der MGV on Tour“. Dieser Slogan wurde nicht umsonst gewählt: Er bezieht sich auf das deutsche Chorfest im Mai 2020 in Leipzig, zu dem der MGV seine Teilnahme geplant hat.

Mit Jürgen Siebold holte die Feuerwehr einen ehemaligen Altheimer – er wohnt mittlerweile in Nordhessen –in die alte Heimat für die Aufgabe des Kerbvadders zurück. Der Rentner bekam Stichworte zu den Geschichten im Ort geschickt und verpackte diese dann äußerst unterhaltsam in Reimform. Seine Aufgabe macht ihm stets Spaß. „Ich bin wohl der älteste Kerbvadder der Welt“, stellte der 75-Jährige am Sonntag vor Beginn seiner Rede humorvoll fest. Da er die Begebenheiten fernab vom Geschehen formuliert, kommt es manchmal vor, dass bei einigen Geschichten auch mal kleinere Ungereimtheiten auftreten. So berichtete er aktuell über einen Zoff von Stammtischfrauen in der nicht mehr existierenden Gaststätte „Ozeano“. Dieser hatte sich mit Handgreiflichkeiten über einen Mann am Tisch entzündet und zog sogar einen Polizeieinsatz nach sich. Wer der Mann war und warum sich der Streit entzündete, blieb Siebold im Kerbspruch schuldig. „Ich kann nur das in Worte fassen was mir mitgeteilt wird“, äußerte der Kerbvadder auf Nachfrage. Auch wenn’s auf diese interessante Frage keine Antwort gab, machte der 75-Jährige seine Sache ausgezeichnet und hielt allerlei Ungewöhnliches mit pointierten Formulierungen parat. Dazu zählte das heiter kolportierte Gespräch von Senioren, was zukünftig in der Pflege eingesetzte Roboter in Liebesfragen leisten können. Auch die Begebenheit über eine ältere Dame gehörte dazu, die sich über ihr TV-Gerät wunderte, das nur noch über ein Bild aber keinen Ton mehr verfügte. Die Erklärung fand sich in einer Schublade, in der ihr Hörgerät lag.

VON MICHAEL JUST

Quelle: op-online.de

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