Ein Buch mit Kurzgeschichten, geschrieben von Blinden, soll Sehenden Einblicke in ihr Leben geben

Die Welt mit anderen Augen sehen

+
Felicitas Göbel

Münster - Wie erleben blinde Menschen ihren Alltag? Diese Frage beschäftigt Felicitas Göbel, Vorsitzende des Vereins „Lesen und Kultur für alle“. Daher initiiert die Münsterin ein ungewöhnliches Projekt und sprach darüber mit unserem Redaktionsmitglied Corinna Hiss.

Wie und wann ist die Idee zum Projekt entstanden?

Die Idee kam bereits im Jahr 2012 auf, als das Kind einer Bekannten unheilbar erkrankte. Es verliert nach und nach sein Augenlicht und wird irgendwann komplett blind sein. Etwa zur selben Zeit lernte ich über Facebook Sabine Scheithauer kennen. Die Autorin hatte für ihr Projekt „Schweigeschluss“ dazu aufgerufen, ihr Geschichten über Tabuthemen zu schicken, die sie dann im gleichnamigen Buch veröffentlichte. Mich hat die Idee begeistert und dann hatte ich diesen Blitzgedanken: Man kann doch Menschen mit Sehbehinderung oder Erblindung dazu aufrufen, in Kurzgeschichten von sich und ihrem Leben zu erzählen. Mit dem Projekt soll eine neue Verbindung zwischen Sehenden und nicht sehenden Menschen entstehen.

Das heißt, Sie haben selbst einen persönlichen Bezug zu Blinden?

Nicht wirklich, und das ist es ja gerade. Wenn ich Menschen auf der Straße sehe, die erblindet sind, dann bin ich erst einmal betroffen, aber auch gehemmt, weil ich nicht weiß, wie ich mit ihnen umgehen kann. „Hinter meinem Augenlicht“ soll ein besseres Miteinander schaffen und eine andere Sichtweise zeigen: Wie erleben blinde Menschen die Welt und das Leben an sich? Ziehen sie sich vielleicht zurück? Wie läuft der Alltag? Das Buch soll auch blinden Menschen untereinander zeigen, dass sie nicht alleine sind mit ihrer Sehbehinderung.

Sie finden also, dass Sehende und Blinde in unserer Gesellschaft zu sehr getrennt voneinander leben?

Den Eindruck habe ich schon. Es gibt Hemmschwellen, Berührungsängste – von beiden Seiten. Zum Teil wird dem in den Schulen entgegengewirkt. Unser Projekt ist aber auch der Beginn einer Kommunikation.

Wie hat Sabine Scheithauer reagiert, als sie angeschrieben wurde?

Sehr positiv und interessiert. Sie war von der Idee angetan und hat sofort zugesagt.

Wann ist denn die Veröffentlichung der zwei Bücher geplant?

Noch sind wir am Anfang. Die Gespräche mit dem Hessischen Sozialministerium für eine Jahresbezuschussung laufen gerade. Das Konzept an sich steht. Es sollen zwei Bücher von Jugendlichen und Erwachsenen geben, die jeweils auch als Hörbuch veröffentlicht werden.

Was geschieht mit dem Erlös aus dem Projekt?

Ich bin im Moment mit CBF im Gespräch, einem Behindertenverband und dem Blindenverband in Darmstadt, dass der gesamte Erlös in die Leseförderung des Vereins fließt, speziell aber für Kinder mit Sehbehinderung.

Was wollen Sie mit den Büchern erreichen? An wen richten sie sich denn genau?

Sie werden alle Menschen ansprechen. Ob sehend oder nicht sehend. Es entsteht ja diese neue Verbindung untereinander und eine besseres Verständnis für den anderen. Interessant wird für sehende Menschen sein, dass sie Einblicke in eine neue Welt gewinnen. Die Welt hinter dem Augenlicht.

Welche Geschichten wird man dort lesen können?

Das ist den Teilnehmern frei gestellt und im Moment noch völlig offen. Sie sollen einfach aus ihrer Sichtweise beschreiben, wie sie das Leben erleben: Wie läuft das im Straßenverkehr? Wie wird die Natur wahrgenommen? Wie erleben sie ihren Beruf? Wie meistern sie ihren Alltag? Wie erfahren sie ihre Beziehungen? Wie erleben sie die Liebe?

Das klingt sehr persönlich…

Soll es auch sein. Und wer seinen Namen nicht nennen möchte, kann Sabine Scheithauer auch anonym schreiben. Jedes Buch soll um die 200 Seiten haben und zirka 50 Kurzgeschichten umfassen. Ansprechpartnerin wird ausschließlich die Autorin Sabine Scheithauer sein, da sie die Texte überarbeitet und auch eine Vertrauensperson sein wird. Es können Ihr auch Sprachaufnahmen zugeschickt werden, die die Autorin dann zu Texten verarbeitet.

Das Projekt läuft unter dem Verein „Lesen und Kultur für alle“, bei dem Sie Vorsitzende sind. Was bedeutet Lesen für Sie?

Lesen bedeutet Kommunikation, sowohl länder-, kultur-, als auch generationsübergreifend. Durch die Protagonisten in Büchern erfahren wir mehr über uns selbst.

Wie wollen Sie die Blinden mit Ihrer Idee erreichen?

Zum einen über die Blindenverbände, aber auch über Schulen und Organisationen. „Hinter meinem Augenlicht“ beschränkt sich zunächst auf Hessen, wir streben aber auch eine bundesweite Kampagne an. Sabine Scheithauer hat bereits Zuschriften von Blinden bekommen.

Quelle: op-online.de

Mehr zum Thema

Kommentare